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"Fliehendes Auge", 2019, B.Biegel |
Künstler
und Künstlerin
Es klingelte zu einer Zeit am Abend, als wir niemand mehr
erwarteten. Mein Mann ging zur Tür und öffnete. Ich war am PC sitzen geblieben
und hörte eine kräftige Männerstimme fragen: „Wohnt hier Monika?“ „Nein“, sagte
S, „eine Monika wohnt hier nicht.“ „Vielleicht oben?“, fragte die Stimme.
„Wohnt oben eine Monika?“ „Ich weiß nicht“, sagte S. „Was für eine Monika soll
das denn sein?“ „Sie macht Filme und Kunst und so etwas.“ Die Stimme hatte
einen leichten Akzent und kam mir plötzlich bekannt vor. „Vielleicht meinst du meine
Frau?“, mutmaßte S und rief mich zur Tür. Ich sah einen jungen Mann mit langen
Locken und dunklem Teint auf dem Treppenabsatz stehen. Er beugte sich vor und
fragte: „Kennst du mich noch?“ „Ja! Das Buch!“ Ich hatte ihm vor einiger Zeit
über Kleinanzeigen das Blossfeldt-Buch verkauft. Beim Abholen hatte sich sehr
darüber gefreut und sich für meine Arbeit interessiert. Ich hatte ihn in mein
Zimmer geführt und ihm die großen Holunderhölzer gezeigt. „Da ist ja die Heilige
Fatima!“, sagte er plötzlich und deutete auf das kleine Heftchen, das ich aus
einer fränkischen Kirche mitgenommen hatte, als ich an meinem Buch über Maria
schrieb. Auf der Vorderseite war Maria auf einem blutenden Herz stehend
abgebildet, das von Strahlen umgeben war. „Kennst du sie?“, fragte ich. „Ich
bin Portugiese“, sagte er da, und in seiner Stimme lag etwas Weiches und
Schmerzliches, kein Stolz.
Diese Begegnung lag mehr als ein halbes Jahr zurück und nun war
er extra gekommen, um mir die Einladung zu seiner Vernissage zu geben, die am
Tag darauf am frühen Vormittag stattfinden sollte. Ich erinnerte mich. Er hatte
mir damals das Foto einer Arbeit auf seinem Handy gezeigt, einen gedruckten blauen
Fisch, der mich sehr beeindruckt hatte. „Die Ausstellung morgen geht über Pflanzen.
Ich habe Linoldrucke zu dem Buch gemacht, zu den Pflanzenfotografien“, sagte er
und sah mich an. Ich wusste sofort, dass ich hingehen wollte. „Ich komme“,
sagte ich. Er entschuldigte sich, dass er meinen Namen vergessen hatte, er habe
meine Karte verlegt oder verloren, habe sich nur an das Haus erinnert, habe
überall geklingelt und sei froh, mich doch noch gefunden zu haben. Er umarmte
mich ohne Hemmungen, ein junger Mann, liebevoll und lebendig, nicht aufgesetzt
war das, sondern seine Art des Umgangs mit der Welt. Dann lachte er, setzte
seinen roten Helm auf, entschuldigte sich erneut und rief noch, er freue sich,
wenn ich käme, winkte und war fort. Der ganze Vorraum der Wohnung war mit seiner
Energie erfüllt.
Ich stand wie angewurzelt. Es hatte an der Tür geklingelt und
ein Künstler hatte mich gesucht und wiedergefunden, hatte sich etwas von mir gewünscht,
mich umarmt, hatte die Erinnerung an Zeiten geweckt, in denen Menschen, die ich
kannte, von Blossfeldt wussten und seinem bahnbrechenden fotografischen Werk zu
Pflanzen, hatte mich wieder mit meiner Rolle als Künstlerin in Verbindung
gebracht. Auch mein Sohn, der tödlich verunglückt war, hatte einmal nach
Portugal reisen wollen. Damals hatte er sein Flugzeug verpasst. Etwas an den dunklen
Locken des jungen Portugiesen kam mir vertraut vor.
Die Vernissage
Mein Mann entschloss sich, mitzukommen. Draußen stürmte es und wir
fuhren mit dem Auto. Ich hatte angenommen, werktags um 10 Uhr würden kaum Besucher
anwesend sein, doch zu meiner Überraschung betraten viele interessant
aussehende Menschen das weithin bekannte Institut. Gleich rechts im Eingangsbereich
begrüßte uns die riesige Fläche einer blaubemalten Wand, lebendig, lichtvoll
und zugleich voller Tiefe, ein Symbol für das Element Wasser, wie wir später
erfuhren. Große Pflanzen, ein dichter hoher Ficus und ein Philodendron, der
riesige Stängel und Blätter von seinem Topf weit in den Raum hinaus schob, warfen
jedes Mal, wenn sich zwischen den anrollenden Regenfronten kurz die Sonne zeigte,
flimmernde Schatten auf das Blau. Wir gingen an dem Glaskasten der Rezeption
vorbei und auf die Ausstellungsgesellschaft zu, die sich, in gesetztem Schwarz
gekleidet und achtsam frisiert, um eine Sitzgruppe, einen Videobildschirm und
ein Tischchen mit Getränken, Süßem und Knabberzeug versammelt hatte. Ich kannte
niemanden.
Im Gang, erhellt durch die großen Glasscheiben des Innenhofs,
hingen große Linolschnitte an Stellwänden. Kontrastreich hatte der Künstler die
Fotografien Blossfeldts umgesetzt und der mit Bleistift verzeichnete Titel nannte
nicht nur Auflagennummer und Signatur, sondern auch Vornamen neben dem
lateinischen Namen des dargestellten Pflanzenteils, wie „Hans“ oder „Inge“. Es
stellte sich heraus, dass verschiedene Menschen gebeten worden waren, sich ein
Motiv aus dem Buch „Urformen der Kunst“ auszusuchen, welches der Künstler im
Kontext zu seiner persönlichen Begegnung mit den Menschen interpretiert hatte.
Der junge Künstler stach in der dunkel gekleideten Besucherschar
durch ein weißes T-Shirt hervor, auf dessen Vorderseite ein Reigen aus Figuren
aufgedruckt war. Lebhaft sprang er von hier nach da, es waren noch zwei
Transparente aufzuhängen. Er sah mich, kam heran, umarmte und begrüßte mich. Er
freute sich wirklich, mich zu sehen. Er schüttelte S die Hand, ich weiß nicht
mehr, ob er ihn ebenfalls umarmte. Ich sagte im Scherz, ich sei Monika und er
lachte: „Nein, Barbara!“ Sich entschuldigend, eilte er zu seiner Arbeit zurück.
Wir besahen Bild für Bild, manche sprachen mich sehr an mit ihrer kraftvollen
Präsenz, schwarze Formen, hermetisch abgeschlossen und klar umrissen auf dem
weißen Papier, und doch lebendig mit ihren kleinen Zellen und Aufspaltungen, mit
den im Lichteinfall angedeuteten hellen Strukturen. Ein ander Mal ein zartes
Nebeneinander von Löwenzahnsternchen auf schwarzem Grund, weiße Spinnenfäden,
die sich behaupteten, weil sie Kraft und Helligkeit aus ihrer Mitte schöpften.
Man rief. Die Eröffnungsrede sollte stattfinden. Zuvor sang der
Chor des Instituts, bestehend aus etwa zehn Frauen und Männer in Alltagskleidung,
das englische Lied von den Daffodils zum Thema Pflanzen. Als nächstes hielt
eine schlanke, Frau mit kurzen grauen Haaren die Rede. Der Künstler sei als vorletztes
von fünfzehn Geschwistern einer Familie in Portugal aufgewachsen und habe seine
Kindheit und Jugend im Waisenhaus für Kinder armer Familien verbracht. Dort sei
künstlerischer Ausdruck verlacht und gutes Fußballspielen und
Durchsetzungsfähigkeit als wichtig erachtet worden. Er habe das Glück gehabt,
in der zwölften und dreizehnten Klasse einen Zweig für künstlerisch Begabte
besuchen zu können und sich dann zu einer Ausbildung als Bildhauer
entschlossen. Vor sechs Jahren sei er in diese Stadt gekommen, der Liebe wegen.
Mit den verschiedensten Tätigkeiten, sei es Aktmodell, Lagerhelfer in einem
Weindepot oder Kunstpädagoge in Schulen verdiene er sich das Geld, um ein
kleines Atelier zu unterhalten. Er habe in Rumänien mit Kindern künstlerisch
gearbeitet und sei weit gereist. Er habe in der Stadt einen Kreis von Freunden
und Unterstützern gefunden und freue sich, seine Arbeiten ausstellen zu dürfen.
Nach dem Applaus folgte ein weiteres Lied, dessen Titel ich wegen
der bewegenden darauffolgenden Ansprache des Künstlers vergessen habe. Er
stellte sich hin, sagte, er freue sich über die Ausstellung und die vielen
Besucher, sagte dann übergangslos: „Jetzt, wo ihr alle meine Geheimnisse kennt“,
sprach noch ein, zwei Worte vom Rettenden der Kunst, streckte dann beide Arme
aus und rief: „Helene, komm!“, worauf eine schmale, etwa 50jährige Frau, keine
junge Freundin, wie ich erwartet hatte, in seine Umarmung lief und ihn an der
Hand nahm. Immer wieder brach die Stimme des jungen Mannes, als er unter Tränen
von der großen Unterstützung sprach, die er von dieser seiner Ersatzfamilie
erhalten habe, er sprach von der Liebe, die über allem stehe, weinte wieder,
erholte sich, sprach darüber, was ihm Blossfeldt’s Sicht auf Pflanzen bedeutete
und gab damit allen die Möglichkeit, sich die Tränen zu trocken, Männern wie
Frauen, bevor der Chor ein letztes Lied anstimmte, das „Halleluja“ von Cohen. Ein
etwas gehemmt aussehender Mann sang mit beeindruckend kräftiger Stimme zwei Strophen
solo und eine Frau sang die mittlere Strophe. Ihr Sopran war rein und klar, und
als der Chor in die Schlussstrophe einstimmte, überstrahlte ihre starke Stimme
die letzte Silbe des Halleluja so nachdrücklich, mutmachend und bejahend, dass
der Applaus auf sich warten ließ, als wolle man dem letzten gesungenen Ton so
viel Raum wie möglich geben. Ich war sehr berührt von all dieser
Unmittelbarkeit, vor allem von dieser starken Botschaft der Liebe als großer
Überwinderin und Mittlerin aus Krisen. Mir schien, die offene Art des Künstlers,
seine Bereitschaft, authentisch zu leben und mit großzügigen Umarmungen alle einzuschließen,
die ihn in seinem Leben begleiteten, ja, die ganze Welt, sei die einzig
mögliche Art und Weise, zu überleben und heil zu werden.
cBarbaraBiegel2019/2025