Donnerstag, 27. August 2026

In Verbindung sein

 
 
 

In den Bergen war ich nie. Das Leben hatte andere Angebote gemacht. Mein Sohn William verunglückte 2014 beim Klettern in den Dolomiten tödlich. Er war 22 Jahre alt. Plötzlich stand ich in einer Kapelle in einem Ort namens Stern, in der mein totes Kind lag. Obwohl ich wusste, dass er in den Bergen glücklich gewesen war, hegte ich Groll auf sie und schrieb während eines Trauerwochenendes der Verwaisten Eltern München am Starnberger See das folgende Gedicht:

 

Gute Nachricht Teil 1

Das Radio sagt, die alpinen Gletscher schmelzen.

Endlich. Ich erhebe mich.

Die bereits entkleideten Berge erzittern. Sie wissen, ohne die eisige Umklammerung der Gletscher werden sie bröckeln. Ihr Fieber steigt.

Die Berge werden fallen. Bald ist es soweit. Ich stehe bereit.

Wind und Wasser züngeln zu meinen Seiten.

 

Die Berge erbeben. Gipfelkreuze und Kletterhaken rutschen von den Flanken mit metallischem Ton. Steige und Schneekanonen poltern über graslose Skihänge nach unten ins Tal.

Die Berge stöhnen.

Steinlawinen reißen ihnen tiefe Wunden. Goldadern platzen auf. Bergkristalle vermahlen die Knochen der Murmeltiere mit den Hörnern der Gämsen.

Muren fliehen bei der nächsten Erschütterung gemeinsam mit Almen und Bergwald zu den Dörfern und Betten der Flüsse im Grund.

In den Labyrinthen der Höhlen quetschen aufeinander gepresste Tropfsteine die letzten unterirdischen Seen aus dem Gestein.

Endlich zwingt anhaltender Schüttelfrost die Berge zu Boden. Sobald ihre Stirnen die Becken der Wasserfälle berühren, platzen sie auf. Blut flutet durch Wasseradern in Hohlräume und Stollen. Es dringt in jede Spalte bis in die feinsten Verästelungen vor. Tief, bis in die Herzen aus Erz, frisst sich der Virus der Auflösung.

Am längsten widerstehen die Füße. Verwurzelt in der Schwärze des Urgrunds und durchströmt von roter Glut, halten sie aus.

 

Bis ich das eisblaue Wasser loslasse.

Brüllend löscht es das letzte Pulsieren in einer grauen Wolke aus Pulver und Dampf. Krachend zerfallen die Sockel zu Trümmern.

Da springt auf mein Geheiß der Wind nach vorn und fegt über die letzten Fundamente. Staub stiebt in alle Richtungen.

Als der Wind sich wieder neben mich gelegt und das Wasser als Gewitterregen die Luft gereinigt hat, umgeben mich Geröllhalden. Nichts ist mehr übrig von den jahrtausendealten Erhabenen. Einige Schritte entfernt leuchten im Schutt die Farben bunter Gebetsfahnen auf.

Ich weiß, du hast die Berge geliebt, mein Sohn. Aber ich konnte sie nicht mehr ertragen.

 

Gute Nachricht Teil 2

Hier bin ich. Da ist der See. Und dort sind die Berge.

Mit großen Füßen stehen sie unverrückbar in den Wiesen aus Hahnenfuß und Pusteblumen.

Weiß leuchtet der Schnee auf ihren Körpern wie das weiße T-Shirt, in dem mein Sohn mir im Traum erscheint.

Ihre scharfen Umrisse schreiben Linien in den Abendhimmel, Botschaften für mich, die ich zu entziffern versuche.

Da wird es ruhig in mir. Die Berge sind mir nah. Mein Sohn hat sie mit seinen Händen berührt. Tag für Tag streicht er als Wolke über ihr Gestein. Ein Hauch aus Nebel steigt auf, um mich daran zu erinnern, wie zart seine Haut war. Feine Regenfäden über fernen Gipfeln rufen mir zu, dass wir mit Fäden aus Liebe verbunden sind.

Die Dunkelheit kommt. Sie füllt die Schluchten mit Fledermäusen. Eine davon zeigt mir den Weg zum See. Ich tauche meine Hand ins Wasser und fühle, die Berge, mein Sohn und ich, wir sind verbunden.

Danke!

 

Jetzt im August, zwölf Jahre später, nach vielen heilsamen Schritten über die Brücke der Trauer und einer langen Annäherung an die Berge, fühlte ich mich endlich bereit, diese schmerzlichen Orte wieder aufzusuchen. Meine Tochter, Williams Schwester, begleitete mich. Wir verbrachten einige Tage im Gadertal und suchten nach den wichtigen Orten jener Tage. Als mich an der Kapelle, in der William aufgebahrt worden war, viele belastende Erinnerungen und auch Schuldgefühle einholten, weil ich damals so wenig Zeit mit meinem toten Kind verbracht hatte, schlug meine Tochter vor, mir für den Tag, an dem wir die Absturzstelle finden wollten, Unterstützung zu suchen. Wir nahmen mit dem Trauernetzwerk Südtirol Kontakt auf und obwohl es sehr kurzfristig war, bekamen wir die Telefonnummer einer Frau, die sich am Nachmittag des Todestages mit uns an der Kapelle treffen wollte.

An der Absturzstelle zu sein, war sehr bewegend. Ich hatte sie damals nur aus einiger Entfernung gesehen. Wir verbrachten dort einige Zeit ungestört und fuhren dann zum Treffpunkt.

Das Gespräch mit der einfühlsamen und erfahrenen Trauerbegleiterin erwies sich als sehr heilsam. Ich fand Raum für die Klage, ich fand Anerkennung für meine damalige Überforderung, bei der ich nicht begleitet worden war. In diesem Gespräch durfte ich nachholend den damals fehlenden Beistand in Anspruch nehmen. Mit dieser Frau gelang es mir, die Fotos, die ich damals von meinem toten Kind gemacht hatte, erstmals wieder anzusehen. Es fühlte sich an wie eine nachgeholte Zeugenschaft, ein großes Geschenk. Sie bestärkte meine Verbindung zum großen, unergründlichen Sinn von Leben und Sterben.

Als Trauerbegleiterin begleite ich ebenfalls Menschen mit Verlusterfahrungen, doch ich bin sehr froh, durch den Impuls meiner Tochter für mich gesorgt und um Hilfe gebeten zu haben. Die Tage in den Bergen haben Wunden geschlossen und mein Vertrauen auf ein festeres Fundament gestellt.

DANKE

 

©BarbaraBiegel/August 2026

 


 

Mittwoch, 27. Mai 2026

Skizze im März

 

Die Falken fliegen das Tal auf und ab und rufen mir unablässig ihre Neuigkeiten zu. Scharf weisen sie die aufgeregten Dohlen in die Schranken. Gebrochen liegen sich die Erlen und Weiden am träge dahinfließenden Fluss in den Armen. Unbeirrt wird weiter Auto gefahren, während im Radio zu hören ist, dass der mächtigste Mann der Welt droht, ein riesiges Gasfeld in die Luft sprengen zu lassen. Verwaist kauern die alten Apfelbäume neben dem Gleisbett, ermüdet vom Kampf gegen den Efeu. Auf dem Bahnsteig des Dorfes warten wir, zwei Handvoll Menschen, auf den verspäteten Zug. Ich bin die einzige Person, deren Lunge keine Rauchwolken ausstößt. Worin besteht Hoffnung? In den prallen, weißen Knospen der Schlehensträucher? Haben sie die Kraft, mich aufzumuntern? Manchmal verschlägt es mir die Sprache und innen bin ich leer. Das unaufhörliche Kribbeln meines Körpers macht es mir leichter, ganz Stoff zu werden, Vibration ohne Output, einer Pflanze gleich, die sich in ihre Zwiebel zurückzieht vor der Zeit. Schon droht meine Lunge die gute Luft wieder von sich zu weisen, die Bronchien krampfen und feiern des Nachts hustend Feste. Der linke Fuß will sich schon nicht mehr auf die Erde stellen. Über die trockenen Augen legen sich die Augenlider scheuernd ab. Meine Ohren verschließen sich vor den Reden der Welt. Nur der Klang der aneinanderschlagenden Kirchturmglocken darf mich besänftigen. Er bringt mich wieder in Verbindung mit Wind, Erde, Falke und Fluss.

Ein Junge im Zug fährt sich mit den langen, hellen Fingern durch das rötliche Haar, weil er wenig später in der Schule einen Text lesen muss, der eine Welt beschreibt, die ihm nichts bedeutet.


Dienstag, 19. Mai 2026

Die Phantasie

 

 

 

Ich lache. Die Phantasie lacht mit. Sie streckt einen Fuß vor und tippt mit dem großen Zeh auf den Boden. Ich sehe hin und bemerke ein Schneckenhaus, aus dem eine Pflanze zu wachsen beginnt. Immer mehr Blätter entfalten sich, als sie sich um den Fuß der Phantasie schlingt und das Bein hochklettert. Auf Höhe des Oberschenkels erscheint eine hellgrüne Knospe und entfaltet sich als hellblau schimmernde Trichterwinde. Ich gehe einen Schritt vor und sehe in das Innere der Blüte. Drinnen ziehen Wolken über einen klaren Himmel, stetig und fließend die Form wechselnd. Ich staune und spüre die Blicke der Phantasie. Auf einmal wird aus dem Himmel ein Meer. Fische, farbig schillernd wie in Korallenriffen, schwimmen in kleinen Gruppen umher, ihre Schuppen blinken. Ich bin ganz fasziniert. Und plötzlich ändert sich das Bild von Neuem und ich sehe mich auf einer Hochebene, die von Vogelschwärmen überflogen wird. Ich stehe dort und drehe mich um die eigene Achse, ich hebe die Arme und aus meinen Händen steigen flimmernde Fäden auf und verbinden mich mit dem Raum über mir, sie verwirbeln in der Höhe und meine Arme werden durch den entstehenden Strudel erfasst, mein ganzer Körper dreht sich mit. Ich werde hineingezogen in den großen Wirbel und lache.

©Barbara Biegel2026

Samstag, 31. Januar 2026

Im Cafe, auf dem Tisch

 

Die Tasse in der Hand, fiel mein Blick wie zufällig auf das Cover meines Notizbuchs. Ich hatte mir noch nie Zeit genommen, mir diesen 2Euro-Flohmarkt-Kauf genauer anzusehen. Dem gewohnten Schriftbild folgend, sah ich zuerst die mit golden schimmerndem Staub bedeckten Flügel der Biene, die sich gerade von blauen Blüten erhob. Vergissmeinnicht. Ich musste unwillkürlich an meinen Sohn denken und bemerkte, dass das Insekt direkt auf einen Stempel zuflog, mit dem Aufdruck AUG. 22. Zweiundzwanzig Jahre alt war mein Sohn gewesen, als er an einem sonnigen Tag im August in den Bergen abstürzte. Das Cover hatte anscheinend mit mir zu tun. Rechts neben dem Stempel stand „Travel“, Reise. Auf einer Reise war er gewesen und auf einer Reise durch die Trauer befand auch ich mich seitdem. Unter diesem Wort schwebte eine Montgolfiere, der große, runde Ballon gehalten durch ein Netz und einen glitzernden Reif. Vielleicht war ich eine der beiden Personen, die sich von der silbergeflügelten Gondel tragen ließen. Darunter glitzerte das Wort „Writing World“ Daneben prangten wie aufgespießt zwei Schmetterlinge auf einem aufwendig verzierten Wappen. Eine Krone bildete den oberen Abschluss, verziert mit einem silbernen und einem türkisfarbenen Edelstein. Der kleine Schmetterling, ein gelbschwarzer Zipfelfalter, blieb innerhalb der Eingrenzung des Wappens, der untere war rostrot und türkis und ragte über den seitlichen Rand hinaus. War der kleine noch auf der Welt gefangen, während der große bereits entgrenzt war? Ihre Starrheit und Unbeweglichkeit galt es wohl zu erforschen, wie das Wort „Explore“ in der größten verwendeten Schrift nahelegte. Über alle Schriften, Muster und eine freundlich scheinende Sonne hatte sich das Wort ausgedehnt, so als ob es nichts Wichtigeres gäbe, als alle inneren und äußeren Welten zu erforschen. Die Vergangenheit wurde auch durch die alte Sütterlin-Schrift eingeführt, die ich noch in der Schule gelernt hatte. Während „Travel“ ohne besondere Betonung auskam, war die „Welt“ silbern herausgehoben. Das „Explore“ glänzte am stärksten und war von silbern schimmernden Punkten unterlegt.


 

Ich drehte das Notizbuch um. Hier fehlte aller Glitzer. Die Biene war offensichtlich weggeflogen, auch Krone und Wappen waren verschwunden. Dafür flatterten zwei lebendig wirkende Schmetterlinge wie befreit über allem hinweg. Das Wort „Explore“ war durch das Wort „Discover“ ersetzt worden. Es gab also immer noch etwas zu entdecken. Mit Leichtigkeit in Verbindung zu bleiben, das war es, was mich mein Notizbuch in diesem Moment lehrte.