Dienstag, 19. Mai 2026

Die Phantasie

 

 

 

Ich lache. Die Phantasie lacht mit. Sie streckt einen Fuß vor und tippt mit dem großen Zeh auf den Boden. Ich sehe hin und bemerke ein Schneckenhaus, aus dem eine Pflanze zu wachsen beginnt. Immer mehr Blätter entfalten sich, als sie sich um den Fuß der Phantasie schlingt und das Bein hochklettert. Auf Höhe des Oberschenkels erscheint eine hellgrüne Knospe und entfaltet sich als hellblau schimmernde Trichterwinde. Ich gehe einen Schritt vor und sehe in das Innere der Blüte. Drinnen ziehen Wolken über einen klaren Himmel, stetig und fließend die Form wechselnd. Ich staune und spüre die Blicke der Phantasie. Auf einmal wird aus dem Himmel ein Meer. Fische, farbig schillernd wie in Korallenriffen, schwimmen in kleinen Gruppen umher, ihre Schuppen blinken. Ich bin ganz fasziniert. Und plötzlich ändert sich das Bild von Neuem und ich sehe mich auf einer Hochebene, die von Vogelschwärmen überflogen wird. Ich stehe dort und drehe mich um die eigene Achse, ich hebe die Arme und aus meinen Händen steigen flimmernde Fäden auf und verbinden mich mit dem Raum über mir, sie verwirbeln in der Höhe und meine Arme werden durch den entstehenden Strudel erfasst, mein ganzer Körper dreht sich mit. Ich werde hineingezogen in den großen Wirbel und lache.

©Barbara Biegel2026

Samstag, 31. Januar 2026

Im Cafe, auf dem Tisch

 

Die Tasse in der Hand, fiel mein Blick wie zufällig auf das Cover meines Notizbuchs. Ich hatte mir noch nie Zeit genommen, mir diesen 2Euro-Flohmarkt-Kauf genauer anzusehen. Dem gewohnten Schriftbild folgend, sah ich zuerst die mit golden schimmerndem Staub bedeckten Flügel der Biene, die sich gerade von blauen Blüten erhob. Vergissmeinnicht. Ich musste unwillkürlich an meinen Sohn denken und bemerkte, dass das Insekt direkt auf einen Stempel zuflog, mit dem Aufdruck AUG. 22. Zweiundzwanzig Jahre alt war mein Sohn gewesen, als er an einem sonnigen Tag im August in den Bergen abstürzte. Das Cover hatte anscheinend mit mir zu tun. Rechts neben dem Stempel stand „Travel“, Reise. Auf einer Reise war er gewesen und auf einer Reise durch die Trauer befand auch ich mich seitdem. Unter diesem Wort schwebte eine Montgolfiere, der große, runde Ballon gehalten durch ein Netz und einen glitzernden Reif. Vielleicht war ich eine der beiden Personen, die sich von der silbergeflügelten Gondel tragen ließen. Darunter glitzerte das Wort „Writing World“ Daneben prangten wie aufgespießt zwei Schmetterlinge auf einem aufwendig verzierten Wappen. Eine Krone bildete den oberen Abschluss, verziert mit einem silbernen und einem türkisfarbenen Edelstein. Der kleine Schmetterling, ein gelbschwarzer Zipfelfalter, blieb innerhalb der Eingrenzung des Wappens, der untere war rostrot und türkis und ragte über den seitlichen Rand hinaus. War der kleine noch auf der Welt gefangen, während der große bereits entgrenzt war? Ihre Starrheit und Unbeweglichkeit galt es wohl zu erforschen, wie das Wort „Explore“ in der größten verwendeten Schrift nahelegte. Über alle Schriften, Muster und eine freundlich scheinende Sonne hatte sich das Wort ausgedehnt, so als ob es nichts Wichtigeres gäbe, als alle inneren und äußeren Welten zu erforschen. Die Vergangenheit wurde auch durch die alte Sütterlin-Schrift eingeführt, die ich noch in der Schule gelernt hatte. Während „Travel“ ohne besondere Betonung auskam, war die „Welt“ silbern herausgehoben. Das „Explore“ glänzte am stärksten und war von silbern schimmernden Punkten unterlegt.


 

Ich drehte das Notizbuch um. Hier fehlte aller Glitzer. Die Biene war offensichtlich weggeflogen, auch Krone und Wappen waren verschwunden. Dafür flatterten zwei lebendig wirkende Schmetterlinge wie befreit über allem hinweg. Das Wort „Explore“ war durch das Wort „Discover“ ersetzt worden. Es gab also immer noch etwas zu entdecken. Mit Leichtigkeit in Verbindung zu bleiben, das war es, was mich mein Notizbuch in diesem Moment lehrte.


Mittwoch, 21. Januar 2026

Die junge Frau


 

Sie war mir schon des Öfteren aufgefallen. Wobei es eigentlich ihr Hund war, der mir zuerst auffiel. Ein Hund in der Schule ist eine Seltenheit. Die junge Frau mit dem offenen Blick bewegte sich auffallend langsam und bedacht in der lauten und quirligen Umgebung. Ich war abgelenkt und machte mir keine Gedanken deswegen, den Grund dafür erkannte ich erst später. 

Kinder rannten mit und ohne Büchertaschen in die Pause. Wir warteten gemeinsam im still gewordenen Vorraum des Klassenzimmers, als sie mich ansprach und fragte, ob ich Lehrerin sei oder Schulbegleitung. „Das zweite...“, antwortete ich. Mit einem Blick auf den großen, schwarzen Labrador, der angeleint neben ihr saß, sagte ich: „Wir hatten auch einen Therapiehund in der letzten Schule.“ „Das ist sowas ähnliches wie ein Therapiehund, ein Assistenzhund“, meinte sie, „der ist für mich da.“ Das Tier sah sie an und wedelte mit dem Schwanz. In der kurzen Pause, die eintrat, traute ich mich zu fragen: „Und wofür brauchen Sie den Hund?“ Sie lächelte leicht. „Ich studiere Lehramt und habe ADHS und Asperger, verbunden mit einer Essstörung, da hilft mir Panino.“ Ich sah sie nachdenklich an: „Es muss schwierig sein, das immer wieder erzählen zu müssen.“ Der Hund trug eine Art Mantel mit dem Aufdruck ‚Therapiehund‘. „Ja“, meinte sie, „mit Kindern ist das nicht das Problem, die fragen immer, darf ich den streicheln. Aber Erwachsene, da frag ich mich oft...“ Ihr gesenkter Blick hob sich und ihr Gesicht hellte sich wieder auf, als sie erzählte: „In der Uni und auch hier in der Schule ist das kein Problem. Er kann überall mit hin. Wir haben eine Sondergenehmigung.“ „Wie gut, dass diese Krankheitsbilder immer mehr von der Gesellschaft wahrgenommen werden, aber das ist ja erst der Anfang.“ „Das stimmt. Ich schätze oft so für mich ein, wie kann mein Gegenüber das einordnen und je nachdem sage ich was dazu oder nicht.“ 

Der Gong unterbrach unser Gespräch, Kinder strömten aus der Pause zu den Klassenzimmern, die Räume wurden aufgesperrt. Wir lächelten uns zum Abschied zu und standen auf. Erst da sah ich, wie schmal ihr Becken war, wie erschreckend dünn Arme und Beine, geschickt unter weiten Ärmeln und Hosen verborgen. Einer von vielen Menschen an dieser Schule, der eine besondere Geschichte hatte.

Montag, 12. Januar 2026

Das Fundstück

 

  

 

Als visueller Mensch entgeht mir wenig. Wie von selbst lese ich alle Schriften im öffentlichen Raum und entdecke verlorene Dinge, die als einsames Strandgut die Stadt bevölkern. So fiel mein Blick auf dem Weg zur U-Bahn auf dieses Foto. Es lag auf seitlich auf dem Gehweg. Natürlich hob ich es auf. Seitdem liegt es auf meinem Küchentisch und ruht sich aus. Ich habe im Lauf meines Lebens gelernt, loszulassen und so bedränge ich es nicht mit Fragen nach dem, was es der Welt zeigt. Ich begnüge mich damit, dass ganz viel Licht auf seiner glänzenden Oberfläche zu sehen ist. Natürlich gibt es auch Dunkelheiten, wie sie in allen Momentaufnahmen unseres Daseins aufscheinen. Undeutlich weiche Ränder gestalten die Übergänge zwischen Licht und Schatten. Rosa, blau und weiß tragen dazu bei, dass ich ab und zu in einer der Bildecke eine Landschaft zu erkennen glaube, mit zartem lila Hintergrund. Im Vertrauen darauf, dass dieses Foto auch nur besehen werden will wie wir alle, freundlich und ohne Wertung, lasse ich es bei mir wohnen und versuche, ihm gerecht zu werden. Eine andauernde Übung, es einfach sein zu lassen. Manchmal scheinen die Farben sich zu verändern. Das Licht strahlt an besonders dunklen Tagen heller. Ich glaube, es fühlt sich wohl.

© BarbaraBiegel2026 

Mittwoch, 31. Dezember 2025

Hommage

 

Der Film „perfect days“ von Wim Wenders, den wir gemeinsam im Kino gesehen haben, kommt in der ARTE Mediathek. Ich schaue ihn mit deinen Augen an.

In der ersten Szene erhebt sich der Mann am Morgen, rollt das Futon zusammen und stapelt Bettzeug und Matratze in einer Zimmerecke. Ich hörte dich im dunklen Kinosaal neben mir murmeln: „Ohne lüften und ausschütteln! Geht gar nicht.“ Du mochtest den Filmbeginn, wie du mir später sagtest, die einfachen Handgriffe, die der Mann Tag für Tag ausführte, bis hin zum täglichen Besprühen der selbstgezogenen Zimmerpflanzen. Du hast dich in ihm wiedergefunden, in dem morgendlichen Ritual, dem Aufbruch zur Arbeit, in den aufgereihten persönlichen Gegenständen auf dem Brett an der Tür, inklusive der Armbanduhr, all das hat zu dir gepasst. Die schlichte, etwas ärmliche Umgebung, die Liebe zu den aus der Zeit gefallenen Musik-Kassetten. Beim morgendlichen Losfahren wählt der Mann eine Kassette, legt sie in das Kassettendeck des Autos ein und in der Dämmerung taucht zu „There is a house in New Orleans“ der hohe Turm der Stadt auf. Ein Turm aus Stahl und Glas, so einen gibt es auch in deiner Stadt. Musik legt sich über die Straßen und Gebäude Tokios bis zum ersten Arbeitsort. Das Umschnallen der perfekt gepackten Tasche samt Schlüsselbund und Arbeitsutensilien. Mit der bloßen Hand hättest du den Müll in der Toilette nicht aufgehoben, aber den täglichen Blick in die vom Wind bewegten Baumkronen hättest du geteilt. Auch das Hingezogen-Sein zu Kindern, die immer kamen, wenn du Musik gemacht hast, mit ihren neugierigen Blicken und Fragen. Der Mann betritt den Park, nicht ohne sich am Eingang zu verneigen, und nimmt auf einer Bank sein Vesperbrot zu sich. Mit einer altmodischen Olympus-Kamera fotografiert er nach oben in die Baumkronen. Er bemerkt einen kleinen Baumsetzling und nimmt ihn in einer gefalteten Tüte aus Zeitungspapier mit nach Hause. Das Fürsorgliche des Mannes wird sichtbar, du hättest ebenso wie er gelächelt, als eine Gruppe Kindergartenkinder an einer Ampel die Straße überquert. Der kleine Baumsetzling wird vorsichtig in einen Tontopf umgesetzt, der Overall ausgezogen und es geht mit dem Fahrrad weiter, deinem liebsten Verkehrsmittel. Ziel ist das öffentliche Bad. Eine Männerwelt, in der Wasser und Reinigung eine große Rolle spielen. Am Abend wird gelesen, mit deiner rundlichen Brille, bis die Müdigkeit kommt. William :-) Faulkner. Nachts Träume von einer Kinderhand in der Hand eines Alten, dazu Bewegung. Nicht leicht zu dechiffrieren, wie deine eigenen Träume. Und wieder ein Lied, das du auch gesungen hast: Sitting on a dock of a bay, wasting time. Dann geht der Mann Beziehungen ein, verleiht Geld, lässt sich ausnutzen. Das hätte auch dir passieren können, oft haben dich Menschen für ihre endlosen Geschichten missbraucht, ohne nach deinem Leben zu fragen. In manchen Dingen warst du wie aus der Welt gefallen, hast auf die Qualitäten des Alten vertraut, auf die Freundlichkeit der Leute, hast Brot auf den Gusseisenplatten des Herds getoastet, wolltest nur Räder mit Stahlrahmen und ohne Stoßdämpfer gelten lassen, hast Gemüse und Obst nur saisonal gekauft. Im Film kommt der ganze Schmerz der Vergangenheit hoch, als Familienmitglieder auftauchen. Der Mann weint und etwas löst sich, Unruhe macht sich breit, Worte fließen. Bier und Zigaretten helfen auch hier nicht, ein krebskranker Mann bringt ihn mit dem Tod in Berührung, er sagt: „Es gibt so vieles, was ich nicht begriffen habe, und schon ist alles vorbei.“ „Its a new dawn, its a new day, its a new life for me – and I’m feeling good”, tönt es während der Autofahrt. Da lacht der Mann und freut sich, als er das hört, dann weint er wieder und dann fasst er wieder Mut. Das Leben geht weiter. Zumindest im Film, da hört es nie auf.

Ein gutes neues Jahr!