
Es waren einmal zwei junge Frauen, die in
zwei weit auseinanderliegenden Städten wohnten und sich schon lange nicht mehr
gesehen hatten, weshalb sie beschlossen, sich einen Tag vor Weihnachten zu
treffen, bevor sie zu ihren Familien weiterreisten.
Es ergab sich, dass die
eine, die dunklere von beiden, sich zu der helleren aufmachte, weil sie diejenige
war, die ein Fahrzeug hatte. Sie kam auch glücklich in der mittelalterlichen
Stadt mit der Steinernen Brücke an und die beiden freuten sich, einander zu
sehen. Sie hatten sich so viel zu erzählen, dass sie erst weit nach Mittag zu
einem Spaziergang aufbrachen.
Ihr Ziel war ein tempelähnliches Bauwerk, das
sich auf einem bewaldeten Hang hoch über dem Strom der Gegend erhob. Dicht lag
Nebel über allem und man konnte nur wenige Schritt weit sehen. Anfangs war noch
das Brausen des Wassers zu hören, doch bald verschluckte der Nebel jedes
Geräusch und nichts war vernehmbar bis auf die Rufe der Vögel, die alle Welt
vor den beiden Menschen warnten. Ein Pfad führte in vielen Windungen zum Fuß
einer Treppe. Stufe für Stufe ging es höher, bis die mächtigen Säulen eines
Gebäudes aus dem Nebel aufragten. Stimmen und schattenhafte Gestalten ließen
sie innehalten. Ein Wesen, ganz in Weiß gekleidet, erschien vor ihren Augen,
gefolgt von einem dunklen Schatten. Die beiden Frauen entspannten sich, als sie
erkannten, dass es sich um ein Hochzeitspaar handelte, das, er im schwarzen
Anzug, sie trotz der Kälte im ärmellosen Brautkleid mit Schleier, für einen
Fotografen posierte. Die jungen Frauen gingen weiter zum Eingang des Gebäudes,
wo ein Wächter Eintrittsgeld von ihnen verlangte. Sie betraten die weite Halle,
in der steinerne Portraits und Tafeln auf sie herabblickten wie aus längst vergangenen
Zeiten. Auf einmal war zu hören, wie das große Eingangsgitter herabgelassen
wurde. Sie nahmen wahr, dass sie die letzten Besucherinnen der Halle waren und
eilten zum Ausgang, der wirklich bereits geschlossen war, und sie riefen nach
dem Wächter. Brummig und unwillig, weil er ihretwegen seine Arbeitszeit hatte
ausdehnen müssen, holte er einen riesigen alten Schlüssel und sperrte ein
kleines Türchen auf, durch das sie hinausgelangen konnten.
Es dämmerte, als sie
den Wald von neuem betraten und nachdem sie sich mit Hilfe eines bläulich
schimmernden Gegenstands orientiert hatten, wählten sie aus der Vielzahl der
Wege ihren Rückweg aus. Es war, als hätte der Nebel zusammen mit der Dunkelheit
inzwischen alles verschluckt, selbst die Baumstämme, die sich nur zögerlich
seitlich zeigten. Schweigend liefen sie und waren froh, als plötzlich ein
Gemäuer mit einer Türe auftauchte, über der ein beleuchtetes Schild hing. Fahl
warfen Fenster helle Vierecke auf das Pflaster. Die jungen Frauen sahen
einander an und beschlossen, die wenigen ausgetretenen Stufen emporzusteigen,
öffneten die Türe, fanden sich in einem Gang wieder und traten in die erste der
abgehenden Türen ein. Glücklich fanden sie so die Gaststube. Kein Mensch befand
sich darin, in der Küche hinter der Theke war es dunkel. Unsicher setzten sie
sich an einen Tisch, auf dem ein Teller mit einem rotbackigem Apfel lag, als
eine alte Frau die Stube betrat und ihnen freundlich Bescheid gab, Essen gäbe
es noch keines, aber sie könnten etwas zu trinken haben. Dankbar bestellten sie
Tee. Die alte Frau bediente sie, zog dann eine Jacke über, nahm eine
Taschenlampe zur Hand und verkündete, sie würde sich jetzt auf die Suche nach
ihrer verschwundenen Gans machen, sie könnten zahlen oder warten, bis sie
wiederkäme und mit dem Kochen begänne.
Da verabschiedeten sie sich schnell und
sprachen draußen miteinander über alles, was ihnen bisher begegnet war: der
zaubrische Nebel, das Hochzeitliche Paar, der zwergenhafte Wärter, die alten
versteinerten Weisen, die alte Frau in dem einsamen Haus mit dem Apfel auf dem
Tisch, und sie fragten sich, was ihnen wohl noch begegnen würde. Doch sie
fanden den Rückweg in die Stadt ohne Schwierigkeiten und ohne, dass jemand
ihren Weg kreuzte.
Auch in den mittelalterlichen Gassen herrschte Nebel. Die
ungezählten Lämpchen der Weihnachtsbeleuchtung erzeugten trotz allem das Gefühl
von Geborgenheit. Niemand war unterwegs, so dass die jungen Frauen sofort
stehen blieben und lauschten, als sie in einiger Entfernung wiederholt tiefe
Klopfgeräusche und Stimmen hörten. Vorsichtig bewegten sie sich durch wenige
Häuserreihen darauf zu, bis sie am Ende einer schmalen Gasse auf einen Platz
traten, auf dem riesige gehörnte Gestalten, die mit großen Knüppeln und Stecken
gegen das Pflaster stießen, sich auf sie zu bewegten, wobei manche ihrer Augen
grün leuchteten und Felle und Mäntel schwer über den Boden streiften. Starr vor
Schreck standen die beiden Frauen und dachten, sie wären am Ende zur Gänze in
einem Reich gefangen, in denen Zwerge, Hexen, Könige und Geister die Macht
hatten, als sie sahen, dass sich hinter den Gestalten eine Menge auf den Platz
ergoss, die das Ganze als feierliches Spektakel anzusehen schien. Die Leute
lachten und liefen kreischend davon, wenn sich eine der Gestalten aufmachte,
sie mit einem Knüppel zu verfolgen. Feuerakrobaten, die sich unter die Menschen
gemischt hatten, gaben dem ganzen ebenfalls einen eher festlichen Charakter.
„Es ist Thomastag!“, rief die helle der Frauen. „Heute ist Wintersonnwende. Die
Perchten läuten die Rauhnächte ein!“ Mittlerweile hatte der seltsame Zug auf
der Mitte des Platzes einen Kreis gebildet, dahinter reihten sich die Zuschauer,
die beiden jungen Frauen hatten sich, angezogen von der magischen Stimmung, in
die erste Reihe geschoben. Die Perchten gingen auf die Leute los, riesige
aufgespannte Flügel zitterten, Totenköpfe leuchteten, spitze Ohren und krumme
Nasen verschwammen beim Tanzen mit fliegenden Fellstreifen. Die Erscheinungen
waren furchterregend und alle erschauerten bei ihrem Anblick.
Die jungen Frauen
gaben sich die Hand und lösten so den Bann, schlüpften durch den Ring der
Menge, eilten durch die Gassen zurück zum Fluss und kamen bald an jenem Ort an, von dem aus sie sich in das Abenteuer dieses Abends
begeben hatten. Dort umarmten sie sich und beim Verabschieden griff die helle
junge Frau in ihre Jackentasche und hielt ihrer Freundin den roten Apfel aus dem
Wirtshaus hin. Die nahm ihn und schenkte die blaue Feder zurück, die sie am
Ufer des Flusses gefunden hatte. Dann trennten sie sich und lebten weiter
glücklich bis ans Ende ihrer Tage.