In
den Bergen war ich nie. Das Leben hatte andere Angebote gemacht. Mein Sohn
William verunglückte 2014 beim Klettern in den Dolomiten tödlich. Er war 22
Jahre alt. Plötzlich stand ich in einer Kapelle in einem Ort namens Stern, in
der mein totes Kind lag. Obwohl ich wusste, dass er in den Bergen glücklich gewesen
war, hegte ich Groll auf sie und schrieb während eines Trauerwochenendes der Verwaisten Eltern München am
Starnberger See das folgende Gedicht:
Gute Nachricht Teil 1
Das Radio sagt, die alpinen Gletscher
schmelzen.
Endlich. Ich erhebe mich.
Die bereits entkleideten Berge erzittern.
Sie wissen, ohne die eisige Umklammerung der Gletscher werden sie bröckeln. Ihr
Fieber steigt.
Die Berge werden fallen. Bald ist es soweit. Ich stehe bereit.
Wind und Wasser züngeln zu meinen Seiten.
Die Berge erbeben. Gipfelkreuze und
Kletterhaken rutschen von den Flanken mit metallischem Ton. Steige und
Schneekanonen poltern über graslose Skihänge nach unten ins Tal.
Die Berge stöhnen.
Steinlawinen reißen ihnen tiefe Wunden.
Goldadern platzen auf. Bergkristalle vermahlen die Knochen der Murmeltiere mit
den Hörnern der Gämsen.
Muren fliehen bei der nächsten Erschütterung
gemeinsam mit Almen und Bergwald zu den Dörfern und Betten der Flüsse im Grund.
In den Labyrinthen der Höhlen quetschen aufeinander
gepresste Tropfsteine die letzten unterirdischen Seen aus dem Gestein.
Endlich zwingt anhaltender Schüttelfrost
die Berge zu Boden. Sobald ihre Stirnen die Becken der Wasserfälle berühren, platzen
sie auf. Blut flutet durch Wasseradern in Hohlräume und Stollen. Es dringt in
jede Spalte bis in die feinsten Verästelungen vor. Tief, bis in die Herzen aus
Erz, frisst sich der Virus der Auflösung.
Am längsten widerstehen die Füße. Verwurzelt in der Schwärze des
Urgrunds und durchströmt von roter Glut, halten sie aus.
Bis ich das eisblaue Wasser loslasse.
Brüllend löscht es das letzte Pulsieren in einer grauen Wolke
aus Pulver und Dampf. Krachend zerfallen die Sockel zu Trümmern.
Da springt auf mein Geheiß der Wind nach
vorn und fegt über die letzten Fundamente. Staub stiebt in alle Richtungen.
Als der Wind sich wieder neben mich gelegt und
das Wasser als Gewitterregen die Luft gereinigt hat, umgeben mich Geröllhalden.
Nichts ist mehr übrig von den jahrtausendealten Erhabenen. Einige Schritte
entfernt leuchten im Schutt die Farben bunter Gebetsfahnen auf.
Ich weiß, du hast die Berge geliebt, mein
Sohn. Aber ich konnte sie nicht mehr ertragen.
Gute Nachricht Teil 2
Hier bin ich. Da ist der See. Und dort sind
die Berge.
Mit großen Füßen stehen sie unverrückbar in
den Wiesen aus Hahnenfuß und Pusteblumen.
Weiß leuchtet der Schnee auf ihren Körpern
wie das weiße T-Shirt, in dem mein Sohn mir im Traum erscheint.
Ihre scharfen Umrisse schreiben Linien in
den Abendhimmel, Botschaften für mich, die ich zu entziffern versuche.
Da wird es ruhig in mir. Die Berge sind mir
nah. Mein Sohn hat sie mit seinen Händen berührt. Tag für Tag streicht er als
Wolke über ihr Gestein. Ein Hauch aus Nebel steigt auf, um mich daran zu
erinnern, wie zart seine Haut war. Feine Regenfäden über fernen Gipfeln rufen
mir zu, dass wir mit Fäden aus Liebe verbunden sind.
Die Dunkelheit kommt. Sie füllt die
Schluchten mit Fledermäusen. Eine davon zeigt mir den Weg zum See. Ich tauche
meine Hand ins Wasser und fühle, die Berge, mein Sohn und ich, wir sind
verbunden.
Danke!
Jetzt
im August, zwölf Jahre später, nach vielen heilsamen Schritten über die Brücke
der Trauer und einer langen Annäherung an die Berge, fühlte ich mich endlich bereit, diese
schmerzlichen Orte wieder aufzusuchen. Meine Tochter, Williams Schwester,
begleitete mich. Wir verbrachten einige Tage im Gadertal und suchten nach den
wichtigen Orten jener Tage. Als mich an der Kapelle, in der William aufgebahrt
worden war, viele belastende Erinnerungen und auch Schuldgefühle einholten,
weil ich damals so wenig Zeit mit meinem toten Kind verbracht hatte, schlug
meine Tochter vor, mir für den Tag, an dem wir die Absturzstelle finden wollten,
Unterstützung zu suchen. Wir nahmen mit dem Trauernetzwerk Südtirol Kontakt auf
und obwohl es sehr kurzfristig war, bekamen wir die Telefonnummer einer Frau,
die sich am Nachmittag des Todestages mit uns an der Kapelle treffen wollte.
An
der Absturzstelle zu sein, war sehr bewegend. Ich hatte sie damals nur aus
einiger Entfernung gesehen. Wir verbrachten dort einige Zeit ungestört und fuhren
dann zum Treffpunkt.
Das
Gespräch mit der einfühlsamen und erfahrenen Trauerbegleiterin erwies sich als
sehr heilsam. Ich fand Raum für die Klage, ich fand Anerkennung für meine damalige
Überforderung, bei der ich nicht begleitet worden war. In diesem Gespräch
durfte ich nachholend den damals fehlenden Beistand in Anspruch nehmen. Mit
dieser Frau gelang es mir, die Fotos, die ich damals von meinem toten Kind
gemacht hatte, erstmals wieder anzusehen. Es fühlte sich an wie eine nachgeholte
Zeugenschaft, ein großes Geschenk. Sie bestärkte meine Verbindung zum großen,
unergründlichen Sinn von Leben und Sterben.
Als
Trauerbegleiterin begleite ich ebenfalls Menschen mit Verlusterfahrungen, doch
ich bin sehr froh, durch den Impuls meiner Tochter für mich gesorgt und um
Hilfe gebeten zu haben. Die Tage in den Bergen haben Wunden geschlossen und
mein Vertrauen auf ein festeres Fundament gestellt.
DANKE
©BarbaraBiegel/August
2026