Sie war mir schon des Öfteren aufgefallen. Wobei es eigentlich ihr Hund war, der mir zuerst auffiel. Ein Hund in der Schule ist eine Seltenheit. Die junge Frau mit dem offenen Blick bewegte sich auffallend langsam und bedacht in der lauten und quirligen Umgebung. Ich war abgelenkt und machte mir keine Gedanken deswegen, den Grund dafür erkannte ich erst später.
Kinder rannten mit und ohne Büchertaschen in die Pause. Wir warteten gemeinsam im still gewordenen Vorraum des Klassenzimmers, als sie mich ansprach und fragte, ob ich Lehrerin sei oder Schulbegleitung. „Das zweite...“, antwortete ich. Mit einem Blick auf den großen, schwarzen Labrador, der angeleint neben ihr saß, sagte ich: „Wir hatten auch einen Therapiehund in der letzten Schule.“ „Das ist sowas ähnliches wie ein Therapiehund, ein Assistenzhund“, meinte sie, „der ist für mich da.“ Das Tier sah sie an und wedelte mit dem Schwanz. In der kurzen Pause, die eintrat, traute ich mich zu fragen: „Und wofür brauchen Sie den Hund?“ Sie lächelte leicht. „Ich studiere Lehramt und habe ADHS und Asperger, verbunden mit einer Essstörung, da hilft mir Panino.“ Ich sah sie nachdenklich an: „Es muss schwierig sein, das immer wieder erzählen zu müssen.“ Der Hund trug eine Art Mantel mit dem Aufdruck ‚Therapiehund‘. „Ja“, meinte sie, „mit Kindern ist das nicht das Problem, die fragen immer, darf ich den streicheln. Aber Erwachsene, da frag ich mich oft...“ Ihr gesenkter Blick hob sich und ihr Gesicht hellte sich wieder auf, als sie erzählte: „In der Uni und auch hier in der Schule ist das kein Problem. Er kann überall mit hin. Wir haben eine Sondergenehmigung.“ „Wie gut, dass diese Krankheitsbilder immer mehr von der Gesellschaft wahrgenommen werden, aber das ist ja erst der Anfang.“ „Das stimmt. Ich schätze oft so für mich ein, wie kann mein Gegenüber das einordnen und je nachdem sage ich was dazu oder nicht.“
Der Gong unterbrach unser Gespräch, Kinder strömten aus der Pause zu den Klassenzimmern, die Räume wurden aufgesperrt. Wir lächelten uns zum Abschied zu und standen auf. Erst da sah ich, wie schmal ihr Becken war, wie erschreckend dünn Arme und Beine, geschickt unter weiten Ärmeln und Hosen verborgen. Einer von vielen Menschen an dieser Schule, der eine besondere Geschichte hatte.

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