| Foto: William, Negros 2012 |
Ja, typisch, denke ich, und runzele die Stirn.
Eine ganz junge Frau berichtet auf youtube, wie sie sich im emotionalen Weihnachtsmodus in die supersüßeste Bulldogge verliebt hat und sich das Tier zum Geschenk gemacht hat. Die junge Frau ist sehr hübsch, steht neben ihrem Freund, mädchenhaft gestylt mit großen Augen und langen künstlichen Wimpern. Nun hat sie den Hund schon zwei Jahre und die Probleme wachsen ihr über den Kopf. Erst hat er seine Spielzeuge nicht mehr hergeben wollen, dann seine Besitzerin bewacht und alle anderen Mitglieder der Familie bereits gebissen: Freund, Bruder, Mutter und Oma. Am Ende will er selbst die junge Frau beißen.
Kopfschüttelnd sehe ich mir das Debakel an und bin schnell mit meinem Urteil: das Mädel ist einfach zu oberflächlich und unreflektiert – das konnte nicht gut gehen.
Ich bin gespannt, wie C.M. der amerikanische Hundeflüsterer, den man zu Hilfe gerufen hat, auf die Situation reagiert. Er kommt und hat keine Vorurteile wie ich, er ist ganz im Jetzt, lässt sich die Situation schildern, beobachtet den Umgang mit dem Hund und stellt fest, dass das Tier verwirrt ist und orientierungslos. „Aggression ist immer nur ein Symptom“, sagt er. Er begegnet der jungen Frau unvoreingenommen und sagt ihr, dass sie an sich selbst arbeiten muss. Humorvoll schafft er eine Atmosphäre voller Aufmerksamkeit, in der es Menschen leicht fällt, seine Hinweise anzunehmen. Die junge Frau weint und erkennt, dass es an ihr ist, etwas zu ändern. Sie muss lernen, sie selbst zu sein, präsenter, ruhiger, selbstbewusster. C.M. nimmt den Hund mit, der selbst ihn von Anfang an beißen will. Es ist zu gefährlich, ihn dort zu lassen, wo alle vor ihm Angst haben und sich in ihrem Haus nicht mehr wohlfühlen. Der Hundeflüsterer beschäftigt sich mit dem Hund, der anfangs nicht fähig scheint, sich in das Rudel auf dem Gelände zu integrieren. Eine tief verunsicherte (Hunde-)Persönlichkeit, die Gemeinschaft erst lernen muss.
Das kenne ich von meiner eigenen Geschichte, denke ich. Ich lerne, dass Tiere oft Spiegel sind, für Unerledigtes, Unklarheit, für fehlende Entwicklung. Ich erinnere mich wieder an eine wichtige Aufgabe, die mir eben nicht gelungen ist: Nicht zu bewerten, weder Tier noch Mensch. Jedes Wesen ist auf seinem Weg, und dieser Weg dauert so lange, wie es dem Individuum möglich ist.
Im Lauf des Films ist zu sehen, wie das Äußere der jungen Frau sich verändert und ihre berührende, natürliche Schönheit ans Licht kommt. Sie macht noch einige Fehler, aber sie bleibt dran, bleibt offen für Hinweise, auch wenn es weh tut. Sie merkt, dass sie dabei ist, zu wachsen und dass es um Grenzen setzen und um Entwicklung geht.
Ich bewundere C.M., der vorurteilsfrei, kreativ und mit großem Herzen daran glaubt, dass Menschen sich verändern können. Am Ende des Films hilft er der jungen Frau dabei, dem Freund, dem Bruder, der Mutter und der Oma zu zeigen, dass sie den Hund im Griff hat, indem sie Ruhe bewahrt.
Fazit: Menschen und Hunde können sich ändern. Auch ich.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen