Sonntag, 6. September 2026

Irgendein besonderes Buch

 


 

Seit über einem Jahr lebe ich im Haus einer Freundin und darf ihre Bücher lesen. Gestern, als ich darauf wartete, dass die Kopfschmerzen nachließen, ging ich an eines der wandhohen Regale und nahm mir das erstbeste Buch heraus. Im Nachhinein denke ich, es war wohl die Farbe des Buchrückens, die mich anzog, vielleicht auch der Titel, aber es geschah innerhalb einer Sekunde, da bin ich mir sicher. Als ich auf der Seite 17 angekommen war, hatte ich mir schon die beiden Zitate herausgeschrieben.

 

„Man konnte sehen, wie die Welt in ihre Augen drang und Wirklichkeit wurde und sie mit ihrem ganzen Gewicht von Neuem unter sich begrub.“

und

„Wenn du mich fragst, ist er einer von den Menschen, die einen Raum interessanter machen, wenn sie anwesend sind, einer von denen, die ihren Umkreis ein bisschen welk aussehen lassen, wenn sie dann gehen.“

 

Das Buch ist aus der Sicht einer Schwester geschrieben, die ihren Bruder verloren hat. Das erste Zitat beschreibt die Mutter, das zweite den toten Bruder.

Es ist ein sogenanntes Jugendbuch, doch es hat die Tiefe, die es braucht und in der ich mich finde und die dazu geführt hat, dass ich es mit schlafwandlerischer Sicherheit auswählte. Es hat sich von mir finden lassen. Es berührt und tröstet, weil es zu mir spricht wie jemand, der sich auskennt mit dem Verlust eines geliebten Menschen und der Trauer.

Die zwei Jahre jüngere Schwester ist fast 16 und schreibt davon, dass man, „wenn man gemeint hatte, die Dinge wären fast wieder im Lot und man wäre darüber hinweggekommen, nur in das Zimmer (des Bruders) gehen musste und dann fing man von vorn an, ihn zu vermissen.“

Auch meine Tochter und ich, und nicht nur wir, vermissen William immer wieder neu, gleichzeitig trösten uns Orte, an denen er war und wir spüren die Verbindung zu ihm. Mittlerweile kann das auch eine Blüte sein oder ein Falke, deren Lebendigkeit ein Teil von ihm zu sein scheint.

Das Buch erzählt vom Steckenbleiben in der Trauer und vom Weitermachen, von der Schwierigkeit, Worte zu finden, vom Gewicht der Freundschaft und gegen Ende auch von der gedanklichen Möglichkeit, gemeinsam an den Ort zu reisen, an dem es passiert ist, der plötzliche Tod eines jungen Mannes an einem Ort im Ausland, wie bei uns. Die Schwester stellt sich vor, im Wasser des Sees zu schwimmen und die Schönheit der Landschaft in sich aufzunehmen, so wie meine Tochter und ich es im August zu Williams Todestag getan haben, zwölf Jahre danach.

 

Titel des Buchs: „Kaputte Suppe“, von Jenny Valentine, dtv 2008

 

©BarbaraBiegel2026