Montag, 28. September 2026

Von Wörtern und Heilung

 



Die Sonne scheint und scheint, der Sommer hat Höchsttemperaturen erreicht und jetzt, Ende September, werden seit Tagen 28 Grad erreicht.

Der Mann, der mir am Mittwoch im Zug gegenüber saß, mit dem geröteten Kopf und der Wasserflasche in der rechten Hand, aus der er ab und zu trank, war mir wegen seiner Bewegungen aufgefallen. Gebremst waren sie und dann wieder schnell. Seltsam unkoordiniert. Auch schloss er immer wieder die Augen, obwohl die Wasserflasche offen war, es ging ihm also nicht ums Schlafen.  Der Mann hatte Fieber, er war krank, und nur mein ihm Gegenübersitzen reichte, auch ohne Husten oder Niesen, um mich anzustecken. Am Donnerstag tat mir der Hals weh und in der Arbeit war es anstrengend, besonders weil wir unter grauen Wolken lang draußen auf dem Hof standen wegen des Fahrradtrainings. In der Nacht zum Freitag wachte ich auf und fühlte mich sehr schlecht. Ich schrieb allen, die es anging, dass ich am nächsten Tag nicht zur Arbeit kommen könne. Aber diesmal halfen mir das Ausruhen, das Schlafen und das Globuli-Einnehmen wenig. Am Sonntag war der schwierigste Tag. Mir war heiß. Ich hatte Kopfschmerzen, wechselte vom Sofa ins Bett und wieder zum Sofa. Zwischendrin saß ich bei dem schönen Wetter auf dem Balkon und sah wie durch einen hölzernen Rahmen auf die kleine, auf ihrer Anhöhe ruhende Dorfkirche, darunter die vielen Nebengebäude und Ställe des Bauernhofs. Die Farben glühten herbstlich, von der Linde wehte ein sanfter Wind taumelnde Blätter heran. In Wellen gesellte sich die Musik aus dem Garten den Nachbarn dazu. Der Zug pfiff an seinen unbeschrankten Bahnübergängen. Eine Frau parkte ihr Auto neben dem Feuerwehrhaus, schulterte ihren Rucksack und wanderte los. Das hätte auch ich sein wollen, wenn nicht dieser Druck in meinem Kopf gewesen wäre, und das Bedürfnis, mich wieder hin zu legen.

Immer, wenn ich krank bin (und halbwegs lesen kann), nehme ich, um mich abzulenken, das Buch “Der Herr der Ringe“ zur Hand. Ich weiß nicht, wie oft ich es schon gelesen habe. Mich faszinieren die Naturbeschreibungen. Und es war das Lieblingsbuch meines Sohns.

Ich lese „ein Gedränge von bewaldeten Höhen“, und bleibe an diesen Wörtern hängen. Ich schreibe mehr davon auf.

„Zur Rechten schimmerte ein grauer Fluss matt in der blassen Sonne. 

Am Saum der Hügel ging es die Straße entlang. 

Wasser wirbelte um die drei großen Pfeiler der Brücke. 

Es begann die trübe Wirrnis von dunklen Wäldern zu Füßen abweisender Berge. 

Die Hügel umschlossen sie nun immer dichter von allen Seiten. 

Sie kamen in ein langes, schmales und tief eingeschnittenes Tal, in dem es dunkel und still war. 

Bäume mit altem, verrenktem Wurzelwerk hingen an Felswänden und an den Hängen darüber wuchsen Kiefernwälder empor. 

Der Wind kam nun stetig von Westen und schüttelte das Wasser des fernen Meeres in einem feinen, doch eindringlichen Landregen über die dunklen Bergkuppen aus. 

In den nächsten zwei Tagen bauten sich die Berge immer höher und steiler vor ihnen auf, und sie waren gezwungen, von ihrer Richtung noch weiter nach Norden abzuweichen. 

Am Morgen hatte der Regen aufgehört. 

Die Wolkendecke war immer noch dick, aber sie riss auf und ließ Streifen von blassem Blau durchscheinen. Der Wind sprang wieder um.“ 

(Auszüge S. 265 bis 268, aus "Der Herr der Ringe" von J.R.R. Tolkien, Band 1, Die Gefährten, Klett-Cotta, 2002)

 

„Die Wolkendecke“ ist der Titel meines ersten Buchs. Und wenn ich lese, dass sie aufreißt und Streifen von blassem Blau durchscheinen lässt, geht es mir gleich etwas besser. Worte können zaubern und die Vorstellungskraft hilft heilen. Allen Wesen gute Besserung :-)

©BarbaraBiegel2026


Sonntag, 6. September 2026

Irgendein besonderes Buch

 


 

Seit über einem Jahr lebe ich im Haus einer Freundin und darf ihre Bücher lesen. Gestern, als ich darauf wartete, dass die Kopfschmerzen nachließen, ging ich an eines der wandhohen Regale und nahm mir das erstbeste Buch heraus. Im Nachhinein denke ich, es war wohl die Farbe des Buchrückens, die mich anzog, vielleicht auch der Titel, aber es geschah innerhalb einer Sekunde, da bin ich mir sicher. Als ich auf der Seite 17 angekommen war, hatte ich mir schon die beiden Zitate herausgeschrieben.

 

„Man konnte sehen, wie die Welt in ihre Augen drang und Wirklichkeit wurde und sie mit ihrem ganzen Gewicht von Neuem unter sich begrub.“

und

„Wenn du mich fragst, ist er einer von den Menschen, die einen Raum interessanter machen, wenn sie anwesend sind, einer von denen, die ihren Umkreis ein bisschen welk aussehen lassen, wenn sie dann gehen.“

 

Das Buch ist aus der Sicht einer Schwester geschrieben, die ihren Bruder verloren hat. Das erste Zitat beschreibt die Mutter, das zweite den toten Bruder.

Es ist ein sogenanntes Jugendbuch, doch es hat die Tiefe, die es braucht und in der ich mich finde und die dazu geführt hat, dass ich es mit schlafwandlerischer Sicherheit auswählte. Es hat sich von mir finden lassen. Es berührt und tröstet, weil es zu mir spricht wie jemand, der sich auskennt mit dem Verlust eines geliebten Menschen und der Trauer.

Die zwei Jahre jüngere Schwester ist fast 16 und schreibt davon, dass man, „wenn man gemeint hatte, die Dinge wären fast wieder im Lot und man wäre darüber hinweggekommen, nur in das Zimmer (des Bruders) gehen musste und dann fing man von vorn an, ihn zu vermissen.“

Auch meine Tochter und ich, und nicht nur wir, vermissen William immer wieder neu, gleichzeitig trösten uns Orte, an denen er war und wir spüren die Verbindung zu ihm. Mittlerweile kann das auch eine Blüte sein oder ein Falke, deren Lebendigkeit ein Teil von ihm zu sein scheint.

Das Buch erzählt vom Steckenbleiben in der Trauer und vom Weitermachen, von der Schwierigkeit, Worte zu finden, vom Gewicht der Freundschaft und gegen Ende auch von der gedanklichen Möglichkeit, gemeinsam an den Ort zu reisen, an dem es passiert ist, der plötzliche Tod eines jungen Mannes an einem Ort im Ausland, wie bei uns. Die Schwester stellt sich vor, im Wasser des Sees zu schwimmen und die Schönheit der Landschaft in sich aufzunehmen, so wie meine Tochter und ich es im August zu Williams Todestag getan haben, zwölf Jahre danach.

 

Titel des Buchs: „Kaputte Suppe“, von Jenny Valentine, dtv 2008

 

©BarbaraBiegel2026