Mittwoch, 27. Mai 2026

Skizze im März

 

Die Falken fliegen das Tal auf und ab und rufen mir unablässig ihre Neuigkeiten zu. Scharf weisen sie die aufgeregten Dohlen in die Schranken. Gebrochen liegen sich die Erlen und Weiden am träge dahinfließenden Fluss in den Armen. Unbeirrt wird weiter Auto gefahren, während im Radio zu hören ist, dass der mächtigste Mann der Welt droht, ein riesiges Gasfeld in die Luft sprengen zu lassen. Verwaist kauern die alten Apfelbäume neben dem Gleisbett, ermüdet vom Kampf gegen den Efeu. Auf dem Bahnsteig des Dorfes warten wir, zwei Handvoll Menschen, auf den verspäteten Zug. Ich bin die einzige Person, deren Lunge keine Rauchwolken ausstößt. Worin besteht Hoffnung? In den prallen, weißen Knospen der Schlehensträucher? Haben sie die Kraft, mich aufzumuntern? Manchmal verschlägt es mir die Sprache und innen bin ich leer. Das unaufhörliche Kribbeln meines Körpers macht es mir leichter, ganz Stoff zu werden, Vibration ohne Output, einer Pflanze gleich, die sich in ihre Zwiebel zurückzieht vor der Zeit. Schon droht meine Lunge die gute Luft wieder von sich zu weisen, die Bronchien krampfen und feiern des Nachts hustend Feste. Der linke Fuß will sich schon nicht mehr auf die Erde stellen. Über die trockenen Augen legen sich die Augenlider scheuernd ab. Meine Ohren verschließen sich vor den Reden der Welt. Nur der Klang der aneinanderschlagenden Kirchturmglocken darf mich besänftigen. Er bringt mich wieder in Verbindung mit Wind, Erde, Falke und Fluss.

Ein Junge im Zug fährt sich mit den langen, hellen Fingern durch das rötliche Haar, weil er wenig später in der Schule einen Text lesen muss, der eine Welt beschreibt, die ihm nichts bedeutet.


Dienstag, 19. Mai 2026

Die Phantasie

 

 

 

Ich lache. Die Phantasie lacht mit. Sie streckt einen Fuß vor und tippt mit dem großen Zeh auf den Boden. Ich sehe hin und bemerke ein Schneckenhaus, aus dem eine Pflanze zu wachsen beginnt. Immer mehr Blätter entfalten sich, als sie sich um den Fuß der Phantasie schlingt und das Bein hochklettert. Auf Höhe des Oberschenkels erscheint eine hellgrüne Knospe und entfaltet sich als hellblau schimmernde Trichterwinde. Ich gehe einen Schritt vor und sehe in das Innere der Blüte. Drinnen ziehen Wolken über einen klaren Himmel, stetig und fließend die Form wechselnd. Ich staune und spüre die Blicke der Phantasie. Auf einmal wird aus dem Himmel ein Meer. Fische, farbig schillernd wie in Korallenriffen, schwimmen in kleinen Gruppen umher, ihre Schuppen blinken. Ich bin ganz fasziniert. Und plötzlich ändert sich das Bild von Neuem und ich sehe mich auf einer Hochebene, die von Vogelschwärmen überflogen wird. Ich stehe dort und drehe mich um die eigene Achse, ich hebe die Arme und aus meinen Händen steigen flimmernde Fäden auf und verbinden mich mit dem Raum über mir, sie verwirbeln in der Höhe und meine Arme werden durch den entstehenden Strudel erfasst, mein ganzer Körper dreht sich mit. Ich werde hineingezogen in den großen Wirbel und lache.

©Barbara Biegel2026