Montag, 5. April 2021

Zukunftsverliebt


 

Der Auftrag: Ich soll auf die andere Seite sehen. Er lächelt ernst.

Schon sechs Jahre ist er mir weit voraus, er, mit seinen blauen Augen. Dort, auf der anderen Seite, hat er vielleicht etwas andere blaue Augen, hellere und klarere. Mit ihnen sieht er alles in einem lichten Schimmern.

 



 

Aber das ändert nichts an unserer Verbindung. Er winkt mir zu und jedes Mal freue ich mich.

 

 

 

 

„Wir machen was Buntes, nicht wahr?“ frage ich und füge hinzu: „Ich freue mich schon so sehr auf die kommenden Jahre.“ 

„Sei achtsam!“ - seine Botschaft.

 

"Die Feier des Lebens findet in jedem Augenblick statt."

 


 

 

 

 

 

Manchmal bringen mich dunkle Schatten aus dem Takt. Ich verliere das Ziel aus den Augen und zweifele an dem Wert allen Tuns.

 

 

Zum Glück erreicht mich dann das Signal meines Körpers und ich entspanne mich. Nicht perfekt zu sein, gehört zu meinem Auftrag.

 

 
 

Wenn ich das denke, 

werde ich innen ganz ruhig und still.

 


 


 
 

©Barbara Biegel/Schreibaufgabe an Ostern

Mittwoch, 24. März 2021

Fingerabdruck

 

Mein Fingerabdruck - und ein winziger Text, der beschreibt, wie ich mich gerade fühle.

Ich liebe die Schreibimpulse von Susanne Niemeyer (https://www.freudenwort.de).

Ich kann aus ihren Anregungen soviel Unterstützung für mich ans Licht bringen. Jedes Mal treffen meine Antworten auf die Botschaft, die ich gerade brauche, wenn die Zuversicht sich ein bißchen verloren hat und ich etwas unruhig geworden bin. Die Kreativität durch schnippeln, stempeln oder Wortetausch macht alles spielerisch und verleiht dem doch einen gewissen Ernst, wie ein Ritual, das man ausführt in dem Bewusstsein, der ganz eigenen inneren Stimme auf der Spur zu sein.

Hier ein Text, der nach einem Impuls entstanden ist, die ersten drei Worte hatten sich als Anfang herauskristallisiert. ;-)

Honig und Ungeduld sind die wichtigsten Zutaten, um das eigene Leben zu ändern (Honig kann auch durch Gummibärchen ersetzt werden). Es gibt zwei Wege zur Veränderung. Zu viel Süßes lässt dich dick werden und dein innerer Druck steigt. Das kann allerdings in die Depression führen. Oder – mein Vorschlag - du ziehst deine Liebsten durch deine ständige Ungeduld und heftiges Herumgerühre in Dinge, die dich nichts angehen, in Mitleidenschaft. Sie werden zäh und ausdauernd von dir fordern, den Grund dafür zu erforschen und aus der Welt zu schaffen. Was du in diesem Fall dann außerdem benötigst, sind Zutaten wie ein instabiles Internet, weggebrochene Aufträge und fehlende Umarmungen. Dann wird das Maß bald voll und du wirst bereit sein. Dein Inneres beginnt zu brodeln. Ist die höchste Temperatur erreicht, suche dir einen trüben Tag aus, an dem beispielsweise im Haus ein Boden abgeschliffen wird und die Tagesmutter in der Nachbarwohnung die Kinder anschreit, und iss möglichst wenig, damit du alle, die mit dir zu tun haben, gereizt vor den Kopf stoßen kannst – dann wird es wie von selbst passieren. Es gibt Geklumpe und Geschrei. Du schmeißt alles hin. Du wirfst die Tür ins Schloss und stürmst hinaus, du rennst mit Wut im Bauch auf einen Berg. Dort bleibst du so lange stehen, bis du abgekühlt und wieder ruhig bist. Auf dem Heimweg werden dir die nächsten erforderlichen Schritte einfallen, zusammen mit der Sehnsucht nach Schokoladenüberzug oder Puderzucker. Zu Hause angekommen, wird dir die Lösung klar vor Augen stehen. Du musst nur noch den ersten Schnitt machen und eine Kostprobe nehmen.

Montag, 8. März 2021

Lebensringe

 

Ich bin Stein und fühlend. Ich bin Granit und Sandstein und Findling. Ich bin Kiesel und Tonschale. Ich trage Buchstaben, Sterne, Striche und Kreuze.

Jahr für Jahr sehe ich die frisch gepflanzten Bäumchen in Feld 12 größer werden. Es sind zur einen Hälfte Zierkirschen und zur anderen Zierapfelbäume. Inmitten des Grüngrau der Hecken und der silbrigen Rinde der Buchen verleiht ihre rosafarbene und dunkelrote Blütenfülle im Frühjahr dem Platz eine frische Aufbruchsstimmung. Manchmal wird dadurch sogar ein Stein bewegt, er rutscht ein bisschen zur Seite oder fällt um, obwohl wir Steine die Wesen mit dem größten Talent zur Ortstreue sind.

Ich bin Stein. Ich spreche mit dem Gras und das Gras spricht mit mir. Wir tauschen uns über die Menschen aus, die ab und an auftauchen. Bleiben sie neben uns stehen, empfangen wir Abbilder ihres Wesens. Meist sind es unregelmäßig geformte und eher farblose Gebilde, aber manchmal erscheinen in ihrer Aura auch Kreise, die Klarheit ausstrahlen und die von einer Farbigkeit sind, die tief in uns ein Echo hervorruft. Wir haben erkannt, dass es Menschen sind, die nach Krisen wieder Boden unter den Füßen gewonnen haben. Wir Steine wissen  von den Wurzeln der Bäume, die mit Jahresringen vertraut sind.

Man hat sechs bis zehn Gräber sternförmig um jedes dieser Bäumchen angelegt. Pflanzen, Vasen und Gestecke bedecken sie, und darüber baumeln die Mitbringsel der Angehörigen von den Zweigen: aufgefädelte Schneckenhäuser, gefaltete Papierkraniche oder Tropfen aus Glas. Von der Stadt drängt die Sirene eines Rettungsfahrzeugs herauf. Rettung naht, Rettung für die, die sie brauchen.

 





Mit großer Dankbarkeit blicke ich gerade auf die Geschenke, die das Leben mir macht, Momente voller Freude und Möglichkeiten, Nähe und Gemeinschaft.



Donnerstag, 18. Februar 2021

Was liegt hinter Corona?

 


Hinter Corona liegt das Meer. Ein ganzes Jahr lang ist C. auf diesen Berg gestiegen. Es ist durch Senken und über Geröll gestolpert und hat kurz vor Weihnachten den Gipfel erreicht. Nun steht es da und ist nur mit sich selbst beschäftigt. Anstatt mit offenen Augen die Schönheit der Umgebung aufzunehmen, flackert sein Blick. Es wühlt in seiner Tasche, zieht verschiedene Modelle von Masken hervor und steckt sie wieder ein. Augenblicklich werde ich wütend. Was soll das? Alle anderen haben ihre Masken auf. Ich bin gleichzeitig auf dem Gipfel angekommen und habe den nötigen Abstand eingehalten, aber C. hat sich vorgedrängelt und laut gehustet, ohne sich den Arm vor-zuhalten. C. ist das einzige Wesen, das sich jeder Solidarität ver-weigert, obwohl es doch Schuld an der ganzen Misere hat - damit muss auf der Stelle Schluss sein. Augenblicklich rufe ich das Meer heran. Eben noch hat es ruhig atmend hinter uns in der Sonne gelegen, hat seine Boote gewiegt und Lichtreflexe zu glitzernden Mustern verwo-ben, doch als es meinen Ruf hört, hat es sofort die Dringlichkeit gespürt und sich in Bewegung gesetzt. Es hat sich erhoben und große Wellenberge erzeugt, mit denen selbst riesige Frachter ihre Mühe hatten. Ihnen wurde noch etwas Zeit gegeben, die rettenden Häfen an-zusteuern, den Fischschwärmen und Walartigen wurde Bescheid gesagt, damit sie in tiefere Regionen abtauchen konnten. Dann wogte das Meer aus seinem Bett und richtete sich auf. Es trat mit einem ohrenbetäu-benden Brausen an C. heran, das verärgert mit der Hand wedelte, um ihm zu verstehen zu geben, dass es auf dem Berg nichts zu suchen hatte. Da ließ das Meer einen großen Strudel entstehen und ver-schluckte C. mit Haut und Haar, bevor es recht begriff, was vor sich ging. Ich legte die Handflächen aneinander und verneigte mich. Das Meer rülpste und zog sich mit einem Gurgeln zurück. Endlich konnte ich die Aussicht genießen.