Dienstag, 7. Dezember 2021

6. Dezember

 

6. Dezember

 

Was hatte der Nikolaus über Nacht gemacht?

Geschlafen. Er war in diesem Jahr erschöpft wie noch nie. Die immer anspruchsvolleren Kinder, die sich häufenden Lieferengpässe und nicht zuletzt das ständige Maskentragen hatten ihn völlig zermürbt. Und so war das Unvorstellbare geschehen: die ganze Nacht auf den 6. Dezember verschlief er. Vergeblich standen die gefüllten Säcke im Flur bereit. All die Jahre hatte der Nikolaus sich nie um Ersatz bemüht, hatte gut gemeinte Angebote zur Mithilfe stets abgelehnt und sich nicht eingestehen wollen, dass er älter und älter wurde. Zu allem Überfluss war es ein Jahr, in dem auch den Menschen, Tieren und Pflanzen die Puste ausging. Die Menschen litten wie er unter Sauerstoffmangel und starrten nur noch in flimmernde Kästchen. Deshalb hatten fehlgeleitete Synapsen ihre Sehnsucht nach Erleuchtung in einen übermäßigen Kauf von Lichterketten, aufblasbaren und von innen beleuchteten Weihnachtsmännern, Fensterdekorationen und nicht zuletzt riesigen Lichterbäumen verwandelt. Der hohe Stromverbrauch ließ überall die Zähler rasen. Und so verschlief der Nikolaus, dass  am Morgen des 6. Dezember die Stromversorgung zusammenbrach. Wecker klingelten nicht, Kaffeemaschinen mucksten sich nicht, Züge fuhren nicht mehr. Als er irgendwann erwachte und sich die Augen reibend ans Fenster trat, sah er, dass draußen alles weiß war. Und alle Türen öffneten sich und alle Leute kamen heraus und staunten und ließen sich von der reinen Helligkeit der Schneedecke berühren.

 

©Barbara Biegel2021

 

Sonntag, 5. Dezember 2021

Was siehst du?


 

Was siehst du, wenn du nichts siehst?

 

Plötzlich bleibe ich stehen. Absolutes Dunkel. Etwas wird langsam deutlicher. Es ist mein Körper. Ich sehe mit Augen, die die Grenzen erforschen. Der Umriss aus Haut wird zusehends schärfer. Was ich wahrnehme? Die nach vorne hängenden Schultern, die mich erschrecken und die ich gleich unwillkürlich straffe. Die auf der Erde stehenden Füße, die mich unermüdlich tragen, aus dem Hellen ins Dunkle, aus dem Dunklen ins Helle und zurück. Den sich heftig hebenden und senkenden Brustkorb, weil ich rennen musste, um genau diese Erfahrung zu machen. In seinem Schutz die zitternden Pumpen Lunge und Herz. Seitlich Arme, bereit zu fliegen und Hände, bereit, festzuhalten und loszulassen. Eine Zunge, auf der ein Heer von Worten liegt. Ein Lächeln, das nur darauf gewartet hat, aus seinem Versteck zu kommen. Einen Mund, der sagt: Fürchte dich nicht!

 

 

©Barbara Biegel2021

Freitag, 3. Dezember 2021

Was macht ...

 

Was Gott wohl macht? 

Gott lacht! Ihm fällt gerade wieder die Szene ein, an der heute sein Blick hängen blieb. Jeden Tag lässt er ihn über das Weltgeschehen streifen. Diesmal sah er uns, wie wir auf unserem Spaziergang vor der riesigen alten Pappel am Uferweg stehenblieben. Zwei kleine ältere Frauen, die eine in rotem Mantel mit blauer Mütze, die andere dunkler gekleidet. Er hörte die mit der schwarzen Jacke sagen: „Unglaublich toll, dieser Baum!“ „Ja, wie ein Lebewesen“, antwortete die andere. „Du hast recht, und sehr alt.“ Beide reckten die Köpfe. „Sieh mal den Ast, der sich seitlich so emporwindet!“ „Ja, beeindruckend. Und erhaben.“ „Da nimmt man sich gleich nicht mehr so wichtig.“ „Stimmt. Es gibt ja vieles, das mir sonst so wichtig erscheint, und nun, wenn ich den Baum sehe...“ „Hm, ich glaube, der kennt kein Recht haben.“ „Und bestimmt geht er nicht davon aus, dass Fehler schlimm sind.“ Gemeinsames Lachen. „Obwohl wir beide ja nicht zu den Menschen gehören, die sich für wichtiger als andere halten“, sagte die eine. „Ja, wir sind keine Leute, die sich so aufblasen“, fügte die andere hinzu. Jede nickte. Das war der Moment, in dem Gott herzlich lachen musste. Ein Vogel flatterte hoch oben in der Baumkrone. Der Fluss gluckste. Schaum trieb vorbei. Gott lachte.

©BarbaraBiegel2021

Mittwoch, 1. Dezember 2021

1. Dezember

 


1. Dezember

Ein Brief liegt vor der Tür! Ein weißer Umschlag mit einer eigenartigen Zeichnung darauf, die nach Wachs duftet. "Advent, der Vereinigung der Erwartungsvollen", steht hinten als Absender. Schon ewig habe ich nicht mehr an die gedacht. Mich überkommt eine ferne Ahnung - da war doch was. Ich mache auf und bin gespannt, was sie schreiben.

Liebe B., wir freuen uns, dir mitteilen zu können, dass du zu denjenigen im großen Lebenszyklusspiel gehörst, die ausgelost wurden. Du darfst am diesjährigen Adventssprint teilnehmen!

Ziel ist, wie du sicher weißt, der 24. Dezember. Wir hoffen, du erinnerst dich auch an die übrigen Bedingungen zur Teilnahme, denn deine Bewerbung liegt bereits über ein Jahr zurück.

Ich erinnerte mich. Damals hatte ich noch ein ganz anderes Leben gelebt, eines, in dem ich mir die Tage selber einteilen konnte. Eines, in dem ich mir den Luxus  erlauben konnte, über spirituelle Fragestellungen nachzudenken.

Zur Sicherheit listen wir hier die wichtigsten Grundsätze noch einmal auf.

1. Nicht – Tun Für das Nicht-Tun braucht es Vertrauen. Vertrauen, dass alles auf dich wartet. Und die Gewissheit, dass es anstrengend wird, wenn du etwas zu erzwingen suchst. Vertraue also darauf, dass sich die richtigen Impulse einstellen.

2. Achtsamkeit Sei im Jetzt. Rieche, höre, atme, fühle – die besten Grundlagen, um in deiner Mitte zu bleiben.

3. Keine Bewertung Für jede Bewertung gibt es Punktabzüge. Du möchtest sicher nicht durch eine Punktezahl, die unter das Mindestlevel sinkt, vom Adventssprint disqualifiziert werden.

Mir fiel fast der Brief aus der Hand, eine kleine Wolke Wachsduft breitete sich im Zimmer aus, als ich damit an die Stuhlkante stieß. Was hatte mich damals nur geritten? So, wie mein Leben jetzt verlief, hatte ich keine Chance, auf diesem Adventssprint – ich verzog das Gesicht, als ich an den Titel dachte, Humor war gerade nicht meine Stärke – auch nur einen Fuß vor den anderen zu setzen. Zusätzlich zum Punktabzug bestand eher die Gefahr, Minuspunkte zu sammeln und zwar so viele, dass ich rückwärts zu zählen hatte und im Frühjahr landen würde. Konnte man eigentlich bestraft werden? Und was hatte es nur für Preise gegeben? Seufzend las ich weiter.

4. Humor Humor ist der Garant für Leichtigkeit. Der Titel unseres Wettbewerbs gibt Zeugnis davon. Es wird alles andere als ein Sprint sein, mit dem du dich Weihnachten näherst, du wirst dich vielmehr im Schneckentempo vorwärtsbewegen.

5. Gleichmut Gleichmut, die Realität so zu akzeptieren, wie sie ist. Bekanntermaßen ist das die Königsdisziplin unseres jährlichen Sprints, doch wir sind sicher, das Training der letzten Vorbereitungswochen wird dich in die Lage versetzt haben, auch dieses Level zu knacken.

Ich schluckte. Das klang ernst. Gleich würde ich erfahren, was mit Verlierern geschehen würde.

Last but not least möchten wir dich an das Gesetz der Fairness in der internationalen Gemeinschaft der Sprinter erinnern und an die Sanktionen für all jene, die sich nicht an die Regeln halten.

Verstöße gegen Nicht-Tun, Achtsamkeit, Humor und Gleichmut bleiben straffrei. Wir wissen um die immensen Herausforderungen, die diese Auflagen an gewöhnliche Sterbliche stellen. Allein Bewertungen haben neben dem Punktabzug noch weitere Konsequenzen: Alle Teilnehmenden verpflichten sich, zeitnah nach jeder erfolgten Bewertung mehrmals am Tag tief ein- und auszuatmen und dieses Atmen achtsam zu beobachten. Dem Atem soll erlaubt werden, frei zu fließen. Der Fokus soll nach Möglichkeit auch auf die kleine Pause gerichtet sein, die zwischen den Atemzügen von selbst geschieht.

So schwer konnte dieses Atmen doch gar nicht sein, ich war erleichtert. Vielleicht sollte ich doch an diesem Sprint teilnehmen. Vor einem Jahr hatte ich mir nichts sehnlicher gewünscht. Vor allem auf die MitsprinterInnen war ich neugierig gewesen. Ich hatte keinen Zweifel daran gehabt, dass mich diese vorweihnachtliche Anstrengung in meinem Leben weiter bringen würde. „Erleuchtung in der Zeit des erwachenden Lichts“ - genauso hatte ich es in meiner Bewerbung formuliert, und schließlich war ich ausgewählt worden, zwar nur durch ein Losverfahren, aber immerhin. Außerdem gab es keinerlei Kontrolle, oder stand da noch etwas auf der Rückseite? Ich drehte den Brief um. Dort las ich:

Werte Bewerberin, werter Bewerber, wir weisen dich darauf hin, dass zum diesjährige Adventssprint nur diejenigen zugelassen sind, die mindestens eine Bescheinigung über den erfolgreichen Abschluss einer der fünf Disziplinen vorlegen können. Sollte es dir nicht möglich gewesen sein, in den zurückliegenden Monaten ein solches Zertifikat zu erreichen, bitten wir dich um eine erneute Bewerbung im nächsten Jahr.

Das wars. Ich legte den Brief auf den Tisch und nahm einen Schluck aus meiner Teetasse. Nachdenklich sah ich auf den Adventskranz mit seinen vier neuen roten Kerzen. Es war nie zu spät. Und mein anstrengender Alltag die beste Gelegenheit zum Üben. Ich beschloss, sofort zu beginnen.

 

©Barbara Biegel 2021

 

Samstag, 6. November 2021

An der Wand


 

Da sind sie ja wieder, die versammelten Teile meiner Persönlichkeit. Während ich die Umzugskartons in den Keller gebracht habe, haben sie sich an der Wand meines Zimmers versammelt. Es hat bestimmt ein bisschen geruckelt, bis jedes Teil seinen Platz gefunden hat. Einige rempeln gerne und drängen sich vor, andere sind selbstbewusster und lassen sich nicht so leicht vertreiben. Die besonneren Anteile haben sicher mit gewählten Worten dazu beigetragen, die letzten Streitigkeiten zu beenden.

Ich freue mich, wenn ich die Wand betrachte.

Mittig die Fetzen meiner alten Kinderzimmertapete. Wäre in Mutters Haus kein Wasserschaden aufgetreten, wären diese feuerroten Stücke mit den goldenen Spuren wohl nie unter der hellen Textiltapete zum Vorschein gekommen.               Direkt darunter erinnert mich die blaue Karte mit der großen weißen Schrift daran, zu atmen.                            Das passt gut zu der Zeichnung meiner Tochter: Love is the way. Die Buchstaben tanzen wie sie selbst, fließend und kraftvoll zugleich.               Der Abdruck eines blauen Tulpenbaumblattes rahmt zusammen mit dem „Atme...“ ihre Botschaft ein, der nichts hinzuzufügen ist.

Hinter der geheimnisvollen Kachelmappe verbirgt sich das wundervolle Geschenk einer jungen Frau, die mir bei den Texttagen aufmerksam zugehört hat. Sie kleidete ihre Antwort auf mein Anliegen in magische, bestärkende Worte.           Die Zeichnung daneben verkörpert meinen künstlerischen Anteil. An welchem Ufer ich die Bäume gezeichnet habe, weiß ich nicht mehr.                    Leicht schräg darüber sieht aus einem mattgoldenen Rahmen ein Auge herab. Oder handelt es sich um einen Fisch? Jedenfalls fühle ich mich immer beobachtet. Nur, wenn ich direkt vor der Tastatur sitze, kann ich etwas unter diesem forschenden Blick abtauchen.                Gleich unter dem Fisch eine andere Zeichnung. Jesus am Ölberg. Das Bild hing über dem Ehebett meiner Großmutter und fristet nun im Keller sein Dasein.              Daneben wieder etwas Blaues, ein Geschenk meiner Freundin Eva. Ein Mandala mit zarten Blütententakeln ruht inmitten einer zart cremefarbenen Fläche. Im Zentrum ist ein Auge zu finden, es schwimmt auf der Wasseroberfläche eines geheimnisvollen Teichs, hat sich rechts und links verankert an einer Kreislinie, die mit unumstößlicher Gewissheit verkündet, dass alles von Liebe umgeben ist.             Von derselben Botschaft singt das Bild daneben.         Die gerahmten Schwünge ganz rechts stimmen mit ein. Die Zeichnung ist in einer Ausstellung in München entstanden. Ich bin so sehr inspiriert gewesen, dass die Linien gar nicht anders konnten, als sich zu etwas besonders Berührendem zu formen.                  Darunter die fünf Elemente der chinesischen Philosophie, die mich an die stete Veränderung erinnert, der alles Leben unterworfen ist. Fehlt noch, von der Insel aus Worten zu berichten, die alles zusammenfasst, was mich beschäftigt, tröstet und froh stimmt.

 

©Barbara Biegel2021

Dienstag, 5. Oktober 2021

Flüsse

Die Saale ist die alte Verbindung zwischen meinem Sohn und mir, neuerdings ist es die Zenn. 



Flüsse als Bindeglieder.

An der Zenn ist er aufgewachsen, er hatte sie täglich im Blick, musste nur über die Wiesen und hat sie auf dem Schulweg überquert.

Brücken von einer zur anderen Seite schon damals.

Später war der Fluss die Verbindung vom Vater- zum Mutterhaus. Das Vaterhaus, eine alte riesige Scheune, überspannt beide Ufer. Durch die dicken Bohlen kann man das schäumende Wasser sehen, das zuvor das Wehr der Mühle hinabgestürzt ist.

Nun wohne ich wieder am Fluss der Kindheit. Eigentlich ist es ein lehmbraunes Flüsschen, nicht zu vergleichen mit der Saale, aber doch imstande, bei Starkregen das ganze Tal zu fluten. Noch immer sind seit dem Frühjahr manche Stämme der Uferweiden mit Matten aus Gräsern überwebt. Ich freue mich, im Herbst aus den Wiesen Nebel aufsteigen zu sehen.

Vielleicht bildet er, beladen mit meiner Liebe, Fäden und berührt den Himmel.

Hallo Sohn!