Samstag, 21. September 2024

Ein Tag im September

19. September 2024

 

Zwei Birken im Wind

Alles an ihnen zittert

Sie fürchten den Herbst

 

 

 

Im Eichendickicht

flüstert der tiefe Schatten

gegen das Licht an 


 

 

Der gelbe Apfel

springt mir leuchtend entgegen

will Welten wechseln
 

 

 

Kleines Wolkenloch

im grauen Vorhang der Nacht

Ich denke an Ihn 


 

 

Das flammende Gelb

hinter dem Rand des Schattens

malt die große Verheißung


 

 

Zarte Begegnung

Zweige streicheln den Himmel 

Flugzeuge kratzen

 

 

 

Einsame Hütte

rufend fliegt der Falke hin

sieht mich wissend an

 


Haikus: japanische Kurzgedichte mit je 5, 7, 5 Silben

Barbara Biegel©2024

Sonntag, 7. April 2024

Unterwegs

 

Im Zug hinaus aus Freiburg, in Richtung Norden. Draußen vor dem Fenster die Vogesen, mit Colmar, der Stadt, der wir vor zwei Tagen einen Besuch abstatteten. Colmar, mit seinem Grünewaldaltar, mit seiner Madonna im Rosenhag von Martin Schongauer, mit seinen gestutzten Platanen und den vielen Störchen, die auf ihnen brüten und auf die die Stadt so stolz ist, dass es sie in vielfacher Ausführung als Plüschtier zu kaufen gibt. 

 

 

Ich fahre rückwärts und behalte die Berge des Schwarzwalds im Blick. „Abschied nehmen, keine leichte Aufgabe“, das sagte und schrieb schon mein Sohn, als er den ganz großen Abschied noch nicht ahnen konnte.

 

 

Draußen die mächtigen Silhouetten der Mammutbäume und über den Bergen eine am Rand löchrige Wolkendecke.

In meinem Rucksack, gleich über dem Stapel getragener Kleidungsstücke, reist ein kleiner roter Elefant mit, verziert mit goldenen Mustern. Golden war so vieles in den letzten Tagen. Der Farbton im Musikvideo Beyoncés, der Schmuck im Schaufenster hinter uns, als wir auf die Straßenbahn warteten, der smaragdgrün schimmernde Käfer auf dem Gehweg. Golden erglühten die Baumkronen, als abends nach einem kalten, grauen Tag die Sonne im Westen noch einmal ihre Strahlen ausschickte, bevor sie hinter den Vogesen unterging. Silbern glitzerte das Wasser der Dreisam. Auf der Busfahrt nach Colmar dieser eigenartig flache Regenbogen, dessen große Leuchtkraft uns magisch anzog, und auch die Kristalle, die wir in einer Blechdose am Straßenrand fanden, erzählten von Licht. In der Büchertausch-Telefonzelle nahm ich sehr altes gummiertes Buntpapier mit, es entstand ein kleiner Klappaltar, ganz ohne Kleber.


 
Am Karfreitag die Unterbrechung der Stille durch das laute Ratschen der Ratschenkinder, am Ostersonntag die Begegnung mit dem Fluss und seinem verwunschenen Ufer. Erfüllend und nährend wie der ganze Aufenthalt.








Samstag, 16. Dezember 2023

Im Traum


 

 

Im Traum

 

Im Traum der Nacht hab ich die Saale gesehen

Nach herbstlichem Waldweg stieg meine Gruppe in freiem Gelände zu ihr hinab

Ich kannte den Weg, war ihn träumend ein paar Mal gegangen

Vergeblich damals, verwehrt war der Übergang

Und wirklich:

Die Saale kannte auch diesmal kein Ufer

Besonnt und mächtig lag sie im Bett

Nasse Gräben, bewachsen von grünfrischen Halmen

Und weiche Erde, auf der wir schwankten,

hielt sie bereit wie ein kluges Geschenk.

 

Der Fluss war der Meister und hielt uns auf Abstand

Die meisten der Gruppe blieben ihm fern.

Nur ich und das Kind, wir wagten uns weiter

Denn einst war es möglich, die Furt zu durchqueren,

Einmal sogar gelang mirs im Traum:

Das Gehen inmitten des Wassers war einfach und ohne jede Gefahr nahm ich Raum

 

Wieso die Spuren von Reifen hier enden? fragte das Kind.

Ich gab zur Antwort: Weil hier ein magischer Ruheort war.

Ob uns der Rückweg nun wieder hinauf führt? fragt es mit großen Augen erneut.

Ja, so ist es, sagte ich leise, um eine Erfahrung sind wir dann reicher und

mit einem Ja beginnt Leichtigkeit.

 

Beim Blick in das Wasser sahen wir Fische

Umgeben von Klarheit und voller Vertrauen in jegliche Tiefe

Aus ihren Kiemen sprossen noch Teile der Lungen

Bejahend war ihre Entwicklung im Gange

Lebendig und offen zugleich

 

Die Fülle und Vielfalt verschlug mir die Sprache

Ich ging in die Hocke, nahm das Kind auf den Schoß

Ich wies auf das Wunder und sprach von Verbindung

Und merkte sogleich, dass das Kind davon wusste.

Das so voller Mühe von mir Erkannte war ihm schon immer im Geheimen vertraut:

Wir sind nicht getrennt, nicht von Klarheit und Atem, nicht von Wasser und Berg, nicht von allen Geschöpfen

 

Und voller Liebe wachte ich auf