Mein neuer Roman ist erschienen: Gabes Grenzen
ISBN 9783753463186, 284 Seiten, erschienen bei BoD, bestellbar in allen Buchhandlungen
Hier der Klappentext:
Sie drehte sich zu mir um und sagte laut:
„Da wäre ich wohl besser drüben geblieben!“
Da war sie wieder, die Grenze.
Eine Frau mit Prinzipien und dem Vornamen
Gabe läuft widerwillig einen Fernwanderweg an der ehemaligen innerdeutschen
Grenze. Sie folgt den Spuren Karls, eines Unbekannten, dessen Tagebuch die
Route vorgibt. Sie trifft auf abgeschnittene Verbindungen, alte Verletzungen
und auf neue Mauern in den Köpfen. Zum Glück hat sie zwei Freunde an ihrer
Seite. Die video-affine Rosi und Jim, ein Hobbyastronom, stehen mir ihr über
Handy in Verbindung. Gabe muss erkennen, dass sie ihre Prinzipien loslassen und
sich der eigenen Vergangenheit stellen muss.
Viel Zeit ist seitdem vergangen. Gabe ist auf den
Spuren ihres Vaters unterwegs gewesen und hat die meisten der Orte auf den Filmen
der Videokamera aufgesucht, die er ihr hinterlassen hat, zumindest diejenigen,
die sie hat identifizieren können.
An einem der ersten warmen Frühlingstage des
neuen Jahres erwacht sie mit dem Gedanken an die Wanderung, mit der alles
angefangen hat. Ein Gedanke, der sie nicht mehr loslässt.
Mittags brach sie auf, zu einem Ausflug an
die ehemalige innerdeutsche Grenze, dorthin, wo sie einst entlang gelaufen war.
Sie hatte mit einer Umleitung zu kämpfen und kam später als erwartet müde und
hungrig in die Nähe ihrer damaligen Route an. Auf einer Abkürzung zu der auf dem Gebirgskamm
verlaufenden alten Heer- und Handelsstraße fuhr sie durch eine Ortschaft, die
sie damals ausgelassen hatte, weil der alte Fernweg in der Gegend an vielen
Stellen wie ausradiert gewesen war. Linden begleiteten den kleinen Bach neben
der Dorfstraße. Plötzlich entdeckte sie an einem der Bäume die weißblaue Wegmarkierung,
der sie in jenem Sommer gefolgt war. Sofort stieg Wärme in ihr auf, sofort war
die Verbindung zu ihrem Vater wieder da und als ein Falke auf die Krone der Linde
flog, fühlte sie sich auch ihrem Sohn wieder verbunden. Sie waren wieder zu dritt,
sie und ihre beiden lieben Toten. Sie lachte vor Freude, es stimmte: man hatte
nur auf die Zeichen zu achten.
An einem der Infopunkte mit Tafeln,
Wanderwegschildern und mehreren rustikalen Sitzgruppen hielt sie an, setzte
sich in die Sonne und aß etwas. Ihr Blick fiel auf einen mit grünen Wegweisern
übersäten Holzpfahl, sie las die Namen von Rundwegen, von Zielorten und von Kilometerangaben
und entdeckte zu ihrer Freude ein kleines Hinweisschild mit der Aufschrift ‚Klimawandel -
alle Richtungen‘. Jemand war hier gewesen, der sich um die Zukunft kümmerte.

Gabe hatte mit Absicht an einem Platz gehalten, den
sie noch nicht kannte und wie zum Trotz führte der 'Kleine Grenzwanderrundweg',
den sie sich ausgesucht hatte, genau in den Ort zurück, durch den auch ihr Vater
auf seiner Wanderung in den späten Siebzigern gekommen sein musste. Nach den letzten
Häusern, von denen einige leer standen, zeigte ein Wegweiser auf eine Senke voller Wiesen und
sie überquerte einen mit klarem Wasser dahineilenden Bach auf einer aus Brettern
improvisierten Brücke. Am Waldrand begrüßte sie wieder die blauweiße Markierung. Sie fand sich bald auf vertrauten Wegen, nur die Stimmung war anders, nicht
hochsommerlich, sondern vorfrühlingshaft, es breiteten sich sogar vereinzelt
noch weiße Decken von Schneefeldern aus. Nach dem nächsten Dorf verlief
der Weg in unbekanntem Gelände, die Markierung war zuverlässig, dennoch verpasste
sie eine Abzweigung, was sie mit einem Lächeln an einzelne Etappen ihrer ersten
Wanderung denken ließ. Als Geschenk gab es eine weißblühende Pflanze, die sie
noch nie gesehen hatte und die sich später beim Nachsehen als ‚Milchstern‘ entpuppte.

Dunkle Wolken schoben sich rasch über den klaren
Himmel und ließen plötzlich große dicke Tropfen auf ihren unbedeckten Kopf fallen.
Wind wehte den Schauer davon und sorgte dafür, dass andere, zum Glück ebenso
kurze, folgten. Die hörnerbewehrten Hochlandrinder, die auf den mit einzelnen
Fichten bestandenen mageren Wiesen grasten, ließen sich vom Regen nicht stören.
Der Umweg durch die verpasste Abzweigung traf am Ende eines Waldstücks auf eine
Straße. Der Weg führte auf der anderen Seite unter einer großen Bogenlampe weiter.
Gabe blieb stehen. Ihr wurde bewusst, dass sie auf dem ehemaligen Grenzstreifen
stand. Schnurgerade zog sich ein Grasweg über ein Feld und wurde bald an beiden
Rändern von Fichten begleitet. Auf weichem Gras ging es hügelauf.

Die Fichten waren noch keine dreißig Jahre alt,
sie waren erst nach dem Ende der deutschen Teilung gewachsen, sicher war der
Streifen rechts und links des Weges früher frei gehalten worden, nachts
beleuchtet und mittig mit einem Band aus geharktem Sand versehen, um besser Spuren
ausmachen zu können. Lange lief sie auf diesem Stück Geschichte und spürte das weiche
Moos unter den Füßen, bis die Bäume unvermittelt aufhörten und das Moos durch Lochbetonsteine
abgelöst wurde.
Ein breiter Streifen Landschaft mit heidekrautähnlichem
Bewuchs und gelblichen Gräsern tat sich auf, rechts am Waldrand befand sich ein
Gedenkstein, unter ihren Füßen der ehemalige Kolonnenweg und links der
ehemalige Todesstreifen.
Nach etwa hundert Metern war eine große Tafel aufgestellt.
An dieser Stelle, erfuhr Gabe, starb ein 18jähriger beim Versuch, die Grenze zu
überwinden, seine Freundin trat auf eine Mine, ihr musste ein Teil des
Unterschenkels amputiert werden. Augenblicklich war sie da, die Trauer, das
Verbunden-Sein mit allen Müttern, die Kinder verloren hatten und auch der
Schmerz wegen des Schicksals der jungen Frau, deren Leben an diesem Tag zu einem
anderen geworden war.
Gabe las den Text der Tafel zu Ende. Dann
wurde sie ruhig, sie wusste ja bereits, dass, sobald sie sich an der Grenze bewegte,
die Vergangenheit sich in ihr mitbewegte. Weil sie sich berühren ließ, floss das
Verstehen der Ereignisse von damals in ihr zukünftiges Handeln ein.