Montag, 4. November 2019

Blick nach außen und innen, nach zurück und nach vorn







In der beginnenden Morgendämmerung sehe ich vom Fenster im fünften Stock auf den Platz hinunter. Ein kleiner Junge läuft hinter seiner Mutter her, vielleicht zum Kindergarten. Bei jedem seiner Schritte blitzt eine Abfolge blauer Lichter an den Seiten seiner kleinen Turnschuhe auf. Ein moderner Ikarus, dessen innere Höhenflüge sich impulsartig entladen, wenn seine Füße in Kontakt mit der Erde kommen.
Der Erde zürne ich nicht, mein Sohn. Sie hat dich aufgefangen, als du vom Berg gestürzt bist. Mein Groll gilt den Steinen, immer noch, wenn ich ehrlich bin.
Sieh dir die Pappeln des Parks an. Wie dürr sie geworden sind. Einige sind schon abgestorben. Sieh, wie achtlos die Menschen daran vorbeigehen. Sie überqueren die Brücke und sehen nicht, wie ausdauernd sich das graue Wasser gegen den Müll wehrt. Ich aber weine. Doch wie schön - die Schwalben sammeln sich! Und das Indische Springkraut neigt seine rosa Blüten wegen der Schwere der Hummeln. Fühlen sie, wie ihr Herz klopft, und denken sie daran, wie viel sie zu geben haben? Du hast zu mir gesagt: Mach dein Ding, MIM.
Das Rot der Hagebutten erinnert mich an Dich, der du nie Rollkoffer benutzt hast, du hast immer die Reisetasche getragen, die jetzt mir gehört. Gute Qualität, ausgesucht von den Großeltern für den Enkel, ein warmes Rot, das dich begleitete. Auf den Reisen zu mir zurück und von mir weg.


Mittwoch, 30. Oktober 2019

Vereinzelung


Auf der Steppe der Hochfläche hat sich eine Malve angesiedelt. Ganz allein ist sie dem Wind ausgesetzt und ihre trichterförmigen Lautsprecher-Blüten rufen in alle Richtungen Botschaften von Freude, Farbe, Widerstandskraft und Zuversicht.




Ab und zu kommen Schafe vorbei. Auch in der Schafherde gibt es Exemplare, die anders sind. Anders gefärbt, aufmerksamer, einsamer oder lebhafter, mit ungewöhnlichen Vorhaben und bereit,
zum Abschied und zum Neubeginne - um sich in Tapferkeit und ohne Trauern in andre, neue Bindungen zu geben, wie Hesse es formuliert. 



Wer weiß?

Montag, 21. Oktober 2019

Rot Gelb Weiß Grau Groß


Rot Weiß




Gelb Rot

Weiß Grau

 braun und groß und schmackhaft



"Ich freu mich schon", sagte mein Begleiter. "Der Pilz ist sicher schmackhaft." 
Dieses Wort hatte ich noch nie verwendet. "Schmackhaft", sagte ich, erst leise, dann laut, ließ es auf der Zunge zergehen, schmeckte es ab, kostete es, spürte den beiden "a" im Mundraum nach und auch dem kleinen Luftstoss, den das "t" am Wortende an meine Lippen stieß.
Als nächstes probierte ich "lecker", und verwarf es sofort. "Köstlich" war mir am nächsten.










Dienstag, 24. September 2019

Wiedererkannt






Vor zwei Tagen ging ich die breite Steintreppe hoch, unten am Weg, wo die Rosen immer noch  ihre tiefroten Blütenblätter für mich streuen und für alle, die sich von ihnen anrühren lassen. Ein Korb voller Bücher stand daneben am Hauseingang und ich griff mir die Biografie über Marie Luise Kaschnitz aus dem Inselverlag heraus, ein dickes Buch mit einem Foto der Dichterin auf dem Umschlag. Seit langen besitze ich "Zwischen Immer und Nie", Vorlesungen über deutsche Literatur, und „Dein Schweigen – meine Stimme“. Ich wusste wenig über sie, nur, dass sie ihren Mann sehr betrauerte und diese Trauer in ihren Werken ausgedrückt hat.

Sie ist in Bollschweil begraben, in dem Ort, den sie als ihre Heimat bezeichnet hat, und man hat dort ein Kaschnitz-Zimmer eingerichtet, um ihr Wirken zu ehren. Es ist noch gar nicht lange her, da blickten meine Tochter und ich bei unserer Wanderung von oben auf den kleinen Ort, er ist ja gleich in der Nähe von Wittnau, wo wir untergekommen waren. Gestorben ist Marie Luise Kaschnitz in Rom, es gab viele Orte und Menschen in ihrem Leben, und wenn ich das Buch aufschlage und lese, bringt es mich mit meinem Leben als Künstlerin und Schreibende und mit dem Schreiben selbst in Verbindung.
Alles ist da und wartet nur darauf, gesehen zu werden.
Ich las das Gedicht, das sie anlässlich des tödlichen Unfalls ihres sehr geliebten Neffen schrieb, der, zwanzigjährig‚ ‚von einem durch Übermüdung nachlässigen Transportfahrer‘ überfahren wurde.

Im letzten Sommer noch
Dein schöner freier Gang
Täuschte mich und alle.
Angekettet war dir längst
Die Kugel Tod.

(Titel des Gedichts: Philipp. 1953 – 1973 - entnommen aus ‚Kaschnitz, Eine Biographie von Dagmar von Gersdorff, Insel, 1. Auflage 1992‘)


Samstag, 21. September 2019

Montag, 16. September 2019

Herz und Stern und Angesicht




Herz und Stern und Angesicht

mein Herz ist heute außerhalb
mein Stern nicht vor den eigenen Karren gespannt
das Angesicht - mir anverwandt, voll Sorge und voll Hoffnung

mein Herz schlägt für die Mitfühlenden
Licht begleite all ihre Vorhaben
ich richte mich innerlich auf





Ich wurde ausgewählt









Ich wurde ausgewählt, wie wunderbar! Seht ihr mich? Ihr findet mich auf dem unteren Blatt, ich bin die Nummer 2. Meine Kolleginnen und Kollegen wurden mit mir fotografiert und per Mail an eine interessierte Kundin geschickt. Sie brauchte ein Geburtstagsgeschenk und wollte unbedingt einen von uns Augenöffnern verschenken - nicht, dass die beschenkte Person uns nötig hätte, weil sie ohne Durchblick wäre, sondern weil sie mit offenen Augen durch die Welt geht und so manch anderen Leuten die Augen für die Schönheit der Welt öffnet.
Von uns dreizehn Exemplaren hat sie mich ausgewählt. Ich war mit der Post in einem roten Umschlag unterwegs und bin heute angekommen. 



Vielleicht werde ich auf einem Fensterbrett liegen, vielleicht werde ich an einem kleinen Nagel hängen und von der Wand in ein Zimmer blicken, vielleicht werde ich draußen im Freien liegen und wie die tibetischen Fahnen langsam ausbleichen und vergehen, während meine Botschaft, achtsam zu sein, in die Welt einsickert.