Mittwoch, 5. Februar 2020

Die graue Königin


Die graue Königin

Meine Anreise dauerte lange und zunehmend fühlte ich mich in das Buch vom Herrn der Ringe versetzt. Nach der Ankunft befand ich mich in einem kleinen Städtchen, das am Rande eines großen Waldgebiets gelegen war. Ich hatte geplant, im Bahnhof bei einer Tasse Kaffee zu warten, bis es Zeit für das Treffen  wurde, doch das Bahnhofsgebäude war heruntergekommen und verrammelt. Mir blieb nichts anderes übrig, als in den Ort zu laufen und mir ein Café zu suchen. Vom Bahnhof aus folgte ich einer stark befahrenen Straße und musste noch eine Art Kanal überqueren, an dem die Fahrbahnen rechts und links vorbeigeführt wurden wie in der Stadt im Süden, in der mein Kind lebte. Das schien mir ein gutes Zeichen. Nach einem Kreisverkehr traf ich auf das Haus, ein altes würdiges Gebäude, gegenüber ruhte entlaubt der Schlosspark, begleitet von einer langen Mauer. Häusern mehrten sich wieder an einer gesichtslosen Kreuzung, hinter der die Altstadt begann. Das fehlende Stadttor schien unsichtbar seinen alten Platz zu behaupten und hatte der Hauptstraße befohlen, um den Kern der Stadt einen weiten Bogen zu machen. Unvermittelt begann das Kopfsteinpflaster. Freundliche Häuserzeilen mit kleinen Läden säumten es, junge Frauen mit Kinderwägen, gut gekleidete, städtisch wirkende Passanten und alte Leute belebten die Gehsteige. Ich lief neugierig weiter, sah in die Gassen und Seitenstraßen und gewann den Eindruck einer munteren Kleinstadt. 
Mit großen, bis zum Boden reichenden Fenstern lockte mich ein Café, es zu betreten. Im Inneren fand ich einige Gäste, meist ältere Paare und eine Theke, die auf einem Podest den Raum bestimmte und wie abgeriegelt erschien, voller Gegenstände und im Dunkel gehaltener Winkel. Wie ein Wall verbarg sie das Verkaufspersonal, ich hörte mehrere Frauenstimmen und zwei bis drei Männerstimmen, die sich lebhaft Stichworte und Witze zuwarfen, der Dialekt war schwer verständlich. Ich nahm an einem kleinen Seitentisch Platz und hoffte, ich wäre gesehen worden und würde bedient werden. Überall leuchtete rotweißer Karostoff, auf den Tischen und Sitzkissen sowie an den Vorhängen. Im Radio lief Musik aus den 80ern. Eine große fleischige Bedienung kam und nahm freundlich meine Bestellung auf, ihre rot gefärbten Haare standen nach oben und zu den Seiten ab und hatten sich platt an den Hinterkopf gelegt. Das Geschrei hinter der Theke nahm zu, ‚ein munteres Völkchen‘ wäre eine zutreffende Beschreibung gewesen. Ohne die Gäste zu beachten, lief der dicke tätowierte Mann mit weißer Schürze und kurzen struppigen Haaren an die Tür und sah einem Passanten nach. Nach hinten rief er: „Er geht weiter, zum Glück!“ Dann verschwand er wieder im Hintergrund, wo es für einige Momente ruhiger wurde. Eine weitere Fremde betrat den Raum, daran erkennbar, dass sie an der Theke fragte, ob man bedient würde oder am Tisch bestellen könnte. Sie setzte sich mit dem Rücken zur Scheibe und beschäftigte sich mit ihrem Handy. Ohne die Mütze sah ich ihr Alter deutlicher und ich sah mich, eine kleine schmale Frau mit kinnlangen grauweißen Haaren, wie in einem Spiegel, nur aufmerksamer,  eine Chronistin, die sicher war, einmal über das kleine Völkchen und die Umstände, in denen es lebte, Zeugnis ablegen zu müssen.
Der Kuchen war erstaunlich gut, als ob muntere Leute wie diese nichts anderes als lustige, gemütliche Genießer sein konnten. Dann brach ich auf und ging den Weg zurück, bis zu dem Haus, in dem ich auf die weise Frau treffen sollte. Mit klopfendem Herzen drückte ich gegen die Haustür und stieg das Treppenhaus hoch. An keiner Tür war ein Schild angebracht. Ratlos stand ich im obersten Stockwerk und wollte schon wieder umkehren, als sich eine Tür öffnete und ein kleiner nachdenklich wirkender Mann mit gebräuntem Gesicht und dünnem grauen Pferdeschwanz heraustrat. Er sah mich an und plötzlich erleuchtete sich sein Gesicht, er strahlte mich an wie ein Verbündeter, liebevoll und nachsichtig, und wies auf die ins Schloss gefallene Tür. „Sie sind richtig. Hier ist es!“ Ich bedankte mich, er lächelte mir warm zum Abschied zu und ging die Treppe hinunter. Nach einigen Minuten, als müsse ich mich innerlich vorbereiten, klingelte ich und kurze Zeit später sah ich mich einem weiblichen Gandalf gegenüber, einer großen, schlanken Frau mit kurzen grauen Haaren und blaugrauen Augen. Sie begrüßte mich forschend, gab mir die Hand und ließ mich eintreten.
Es würde schwer sein, sie zu überzeugen, dass sie sich irrte, das sah ich gleich.



©BarbaraBiegel2020


 

Freitag, 17. Januar 2020

Karriere nach Innen





Ich habe erkannt, dass ich eine Karriere hinter mir habe, wenn auch nicht im Außen, sondern ins Innere. 
Diese Karriere ist in die Tiefe gegangen, hat mir Erkenntnisse und einen neuen, wahrhaftigeren und zugleich entspannteren Blick auf die Welt gebracht. 
Wenn das Wort „Karriere“ beschreibt, wie gut ein Mensch im Lauf seiner Entwicklung seinen verschiedenen Rollen gerecht wird, den Rollen, die das soziale Umfeld und der Lebensraum erfordern, dann habe ich auf dieser vertikalen Karriereleiter große Fortschritte gemacht. 
Ich habe intensiv die Fremde erforscht und sie mehr und mehr verstanden, ich bin im Land der Trauer weite Wege gegangen, ich habe Heimat, Erfolg, Gesundheit und geliebte Menschen loslassen und betrauern müssen. 
Ich bin der Wut begegnet und habe mit ihr gekämpft. 
Ich bin als Quereinsteigerin Profi im Loslassen geworden. 
Andere haben eine Drogenkarriere hinter sich, ich eine Trauerkarriere, ich habe  vier Bücher dazu verfasst. 
Die Furcht vor einem Karriereknick kann mir nichts anhaben. 
Es gibt wenig zu verlieren nach dieser Karriere nach innen. 
Erkenntnisse können sich nur wandeln, sie können nicht verlorengehen.

©Barbara Biegel2020


Donnerstag, 9. Januar 2020

Hilf-Reich



Zum Klima

Ich mache mir Gedanken zur Klimakrise. Am Sonntag kommt die Umweltministerin und ist „gespannt auf Fragen und Anregungen“. Gerade hat mich ein neues Papier von ScientistsforFuture erreicht - „Aufklärung gegen die Klimakrise“, „um angesichts der grassierenden Verniedlichung oder gar Diffamierung die Klimaschutzbewegung zu stärken und den Fokus wieder auf wissenschaftlich begründete inhaltliche Fragen zu richten“.
Es ist wichtig, mit Fakten zu untermauern, dass es die Klimakrise gibt. Es ist wichtig, sich fit zu machen für Streitgespräche, in denen es um erneuerbare Energien, Co2, Motorenantrieb oder klimafreundliche Planung in Städten geht. „Wir, die Älteren, müssen dazu- und umlernen“, sagt das Schreiben. „Wir haben Jahrzehnte vergeudet, doch es ist noch nicht zu spät, um zu lernen und zu handeln.“
Ich denke über meine Widerstände nach, mich näher mit Fakten zu befassen. Bin ich genauso bequem wie Normalbürger, die einfach alles weiterlaufen lassen und nicht tiefer in die Wissensebene einsteigen wollen? Ich überlege, worin mein umweltliches Engagement besteht. Seit langem bin ich in der Natur unterwegs. Ich habe mich mit Vögeln, Bäumen und Vegetation vertraut gemacht. Ich kann die Veränderungen sehen. Baumkronen werden dünn, Pilzkrankheiten breiten sich aus. Das Immunsystem vieler Gewächse ist geschwächt. Die Trockenheit der letzten Jahre macht bewusst, wie kostbar Wasser ist. Auch wenn wir ganze Wälder pflanzen, sie werden ohne Regen nicht überleben. Bilder von verkohlten Kängurus sind Glieder derselben Kette, weil alles mit allem verbunden ist.
Ich ging und gehe auf die Demonstrationen der FridaysforFuture, ich halte Schilder hoch, in denen ich meine Trauer um das Artensterben ausdrücke. Ich kann andere engagierte Menschen bestärken, indem ich an Demos teilnehme, in Email-Verteilern meine Stimme erhebe oder Online-Petitionen unterzeichne. Ich kann durch mein Handeln beitragen, meinen Co2-Verbrauch gering zu halten, ich fliege nicht, fahre selten Auto und oft mit dem Zug. Ich schreibe als Autorin gegen die Gleichgültigkeit an und bin stolz, dass mein Text „Weltretten“ veröffentlicht wird. Was noch? Ich versuche, freundlich zu bleiben. Ich unterrichte und übe Qigong. Ich habe keine Antwort darauf, wie man andere Menschen dazu bringt, ihr Verhalten zu ändern, aber ich versuche, den Raum offen zu halten. 

Hier noch ein kleiner, berührender Film der ArtistsforFuture:

https://www.facebook.com/ParentsForFutureUK/videos/525798961525647/

Mittwoch, 1. Januar 2020

Leben in wachsenden Ringen






Rilke schreibt: "Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehn, ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen, aber versuchen will ich ihn."

Ein neues Jahr beginnt, in dem ich meinen Sohn nicht umarmen kann. Es bleibt, mich über seine vielen Grüße zu freuen, die er mir in Begegnungen mit der Natur, mit Menschen und in der künstlerischen Arbeit schickt.

Allen ein lebendiges neues Jahr mit Erkenntnissen und Empathie für alles, was uns umgibt!

Mittwoch, 25. Dezember 2019

Weihnachten








Der Esel trat in den Kreis.

„Mir ist das Los zugefallen, dieses Jahr die Rede zu halten. Ich bin ja neu in diesem Kreis und Egon, der, wie ihr wisst, letztes Jahr ins Altersheim kam, hat mir ein bisschen erzählt von dem, was so erwartet wird und ich hoffe, ich kann die mir von euch gestellte Aufgabe erfüllen.“ „Fang schon an!“, rief ein Engel und stellte den geleerten Glühweinbecher mit einem Knall auf den Tisch, „ich will dann auch noch was sagen.“ Irritiert sah Egon ihn an. „Gut, äh, alles klar.“ Alle Gesichter hatten sich ihm zugewendet. Das Christkind gähnte mit offenem Mund. Maria zupfte ihr Kopftuch zurecht. „Ich möchte eine Rede halten, die uns wieder die wahren Werte ins Gedächtnis ruft. Es geht um einen drohenden Verlust. Gerade wir Esel vermissen in der letzen Zeit, dass auf Stroheinstreu immer weniger Wert gelegt wird, dabei ist gutes Stroh doch die Grundlage für ein gelingendes Leben.“ Aufmerksam sah das Christkind hoch. Es wusste, wie wichtig eine ausreichende Menge an Stroh für einen bequemen Schlaf war. „Heutzutage werden der Duft und die Farbe des Strohs unterschätzt“, fuhr Egon fort. „Das Gelb der Halme erfüllt jedes Herz mit Freude. Der Duft lässt Erinnerungen aufsteigen, die uns mit der Vergangenheit, mit unseren Ahnen verbinden. Gerade wir, die wir uns heute an Weihnachten getroffen haben und die doch Boten der Verheißung sind, sollten Vorbild sein für die vielen Geschöpfe, die etwas abseits von Gottes Gnade ihr Dasein fruchten.“ Der Weihnachtsmann blickte den Esel vorwurfsvoll an, als wollte er sagen, dass es sehr wohl Gründe dafür gab. „Dafür gibt es sicher gute Gründe“, beeilte sich der Esel zu sagen. „Und wer bin ich, das zu hinterfragen, mir geht es lediglich darum, dass alle Wesen, also auch sie, ihr Stroh abbekommen, nicht nur ihr Fett.“ Er bemerkte, dass Jesus Maria den Plätzchenteller zuschob. Er sollte wohl besser zum Schluss kommen. „Deshalb, lieber Weihnachtsmann, lieber Jesus, Maria und ihr Engel, und auch dich, liebes Christkind, will ich in meiner Aufzählung nicht vergessen, ich rufe euch zu: Haltet an den Strohhalmen fest! Lasst nicht nach, diese Botschaft zu verbreiten, eine Botschaft, die neben der Botschaft der Liebe eine der entscheidendsten und weittragendsten auf der Erde ist, die Botschaft, die Vertrauen heißt, Vertrauen darauf, sich niederlassen zu können, unabhängig von einem Ort.“ Die Stille, die auf diese Worte folgte, war nur kurz. „So soll es sein! Prost!“, riefen die Engel durcheinander und das Christkind lief auf Egon zu und küsste seine weiche Nase.

©Barbara Biegel2019 

(Abbildungen: Collagen nach dem Teppich von Angers, 2009)