Der Film „perfect days“ von Wim Wenders,
den wir gemeinsam im Kino gesehen haben, kommt in der ARTE Mediathek. Ich schaue
ihn mit deinen Augen an.
In der ersten Szene erhebt sich der Mann am
Morgen, rollt das Futon zusammen und stapelt Bettzeug und Matratze in einer
Zimmerecke. Ich hörte dich im dunklen Kinosaal neben mir murmeln: „Ohne lüften
und ausschütteln! Geht gar nicht.“ Du mochtest den Filmbeginn, wie du mir
später sagtest, die einfachen Handgriffe, die der Mann Tag für Tag ausführte,
bis hin zum täglichen Besprühen der selbstgezogenen Zimmerpflanzen. Du hast
dich in ihm wiedergefunden, in dem morgendlichen Ritual, dem Aufbruch zur
Arbeit, in den aufgereihten persönlichen Gegenständen auf dem Brett an der Tür,
inklusive der Armbanduhr, all das hat zu dir gepasst. Die schlichte, etwas ärmliche
Umgebung, die Liebe zu den aus der Zeit gefallenen Musik-Kassetten. Beim
morgendlichen Losfahren wählt der Mann eine Kassette, legt sie in das Kassettendeck
des Autos ein und in der Dämmerung taucht zu „There is a house in New Orleans“ der
hohe Turm der Stadt auf. Ein Turm aus Stahl und Glas, so einen gibt es auch in
deiner Stadt. Musik legt sich über die Straßen und Gebäude Tokios bis zum
ersten Arbeitsort. Das Umschnallen der perfekt gepackten Tasche samt Schlüsselbund
und Arbeitsutensilien. Mit der bloßen Hand hättest du den Müll in der Toilette
nicht aufgehoben, aber den täglichen Blick in die vom Wind bewegten Baumkronen
hättest du geteilt. Auch das Hingezogen-Sein zu Kindern, die immer kamen, wenn
du Musik gemacht hast, mit ihren neugierigen Blicken und Fragen. Der Mann
betritt den Park, nicht ohne sich am Eingang zu verneigen, und nimmt auf einer
Bank sein Vesperbrot zu sich. Mit einer altmodischen Olympus-Kamera fotografiert
er nach oben in die Baumkronen. Er bemerkt einen kleinen Baumsetzling und nimmt
ihn in einer gefalteten Tüte aus Zeitungspapier mit nach Hause. Das Fürsorgliche
des Mannes wird sichtbar, du hättest ebenso wie er gelächelt, als eine Gruppe
Kindergartenkinder an einer Ampel die Straße überquert. Der kleine Baumsetzling
wird vorsichtig in einen Tontopf umgesetzt, der Overall ausgezogen und es geht
mit dem Fahrrad weiter, deinem liebsten Verkehrsmittel. Ziel ist das öffentliche
Bad. Eine Männerwelt, in der Wasser und Reinigung eine große Rolle spielen. Am
Abend wird gelesen, mit deiner rundlichen Brille, bis die Müdigkeit kommt. William
:-) Faulkner. Nachts Träume von einer Kinderhand in der Hand eines Alten, dazu
Bewegung. Nicht leicht zu dechiffrieren, wie deine eigenen Träume. Und wieder
ein Lied, das du auch gesungen hast: Sitting on a dock of a bay, wasting time.
Dann geht der Mann Beziehungen ein, verleiht Geld, lässt sich ausnutzen. Das
hätte auch dir passieren können, oft haben dich Menschen für ihre endlosen
Geschichten missbraucht, ohne nach deinem Leben zu fragen. In manchen Dingen
warst du wie aus der Welt gefallen, hast auf die Qualitäten des Alten vertraut,
auf die Freundlichkeit der Leute, hast Brot auf den Gusseisenplatten des Herds
getoastet, wolltest nur Räder mit Stahlrahmen und ohne Stoßdämpfer gelten
lassen, hast Gemüse und Obst nur saisonal gekauft. Im Film kommt der ganze
Schmerz der Vergangenheit hoch, als Familienmitglieder auftauchen. Der Mann
weint und etwas löst sich, Unruhe macht sich breit, Worte fließen. Bier und
Zigaretten helfen auch hier nicht, ein krebskranker Mann bringt ihn mit dem Tod
in Berührung, er sagt: „Es gibt so vieles, was ich nicht begriffen habe, und
schon ist alles vorbei.“ „Its a new dawn,
its a new day, its a new life for me – and I’m feeling good”, tönt es während
der Autofahrt. Da lacht der Mann und freut sich, als er
das hört, dann weint er wieder und dann fasst er wieder Mut. Das Leben geht
weiter. Zumindest im Film, da hört es nie auf.
Ein gutes neues Jahr!