Montag, 18. Mai 2020

Alleinsein


Ich schlug die Zeitungsseite um. Stolz und sehr aufrecht stand eine Frau auf felsigem Gestein vor einem hellen Himmel. Im Text war von irgendwelchen Rekorden die Rede. Ich wollte keine weitere Geschichte über Frauen lesen, die sich von ihren Vätern mit dem Leistungsgedanken hatten anstecken lassen und war schon am Umblättern, als ich an dem Wort ‚Alleinsein‘ hängen blieb.
Ich sah genauer hin und las zwei Sätze, die mir mit einem Mal ins Bewusstsein brachten, dass ich das, was da stand, vor kurzem selbst erlebt hatte. Nach einem äußerst unangenehmen Gespräch, das sehr widerstreitende Gefühle in mir ausgelöst hatte, hatte ich neben Wut, Traurigkeit und Trotz auch Kraft gespürt. Anfangs blieb das Gefühl von Stärke noch unscharf, wie die Wärme einer Jacke, die man sich nur um die Schultern gehängt hat, doch spätestens nach fünf Stunden, als ich ohne zu ermüden an meinem Manuskript gearbeitet hatte, war mir klar, dass die wegen des Gesprächs in mir aufgestiegene Kraft sich in dieser Energie gezeigt hatte.
Ich nahm den Artikel noch einmal zur Hand. „Wenn ... niemand ihr dabei helfen könne, spüre sie ‚dieselbe Art des Alleinseins‘“. Genau das hatte ich bei dem Gespräch empfunden. Und ich begriff: Man konnte also un-abhängig sein von der Meinung anderer, ganz bei sich, wie es sonst nur Männer konnten. Und das Besondere daran war, dass, anders als Männer, die oft genug einfach ihr Ding durchzogen, noch Empathie mit am Start war.



Und noch etwas


 
 
Da ist eine riesige Eiche an einem Hang, zwei Dörfer von meiner Wohnung entfernt. Sie steht einfach da, seit sehr langer Zeit, ihr Stammdurchmesser beträgt etwa 120 cm. Das Besondere sind ihre fast waagrechten, weit ausladenden Äste, wie ein großes Lebewesen streckt sie ihre Arme aus, umarmt Wind, Gräser, Falke und die am Abend aus dem Tal aufsteigende Kühle. Es braucht nur ein kleines Anstupsen mit dem Zeigefinger, schon gerät ein Ast in Resonanz und gibt sich sanften Schwingungen hin.
Die Eiche ist ganz Baum, männlich und weiblich zugleich. Bläulinge flattern um die kraftvollen Wurzeln, Mäuse haben sich unter dem Dach des Laubs angesiedelt. 


 
Unweit fand ich auf der Erde zwischen Grashalmen ein Paar verblühten Löwenzahns. Eine der Kugeln löste sich schon auf, die andere stand ihr bei, sie zögerte noch, ihre Samen loszulassen.

Samstag, 2. Mai 2020

Kann es nach hundert Jahren Schlaf ein Erwachen geben?


Ja, ich sage dir, nach hundert Jahren Schlaf kann es ein Erwachen geben, so wie es nach hundert Jahren Einsamkeit Gemeinschaft geben kann. Die Zeit des Schlafs ist sinnvoll und wichtig. Tief unten liegt aufbewahrt das Samenkorn, das alle Information, alle Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit in sich trägt, das nur darauf wartet, dass der Keimspross sich regt. Wenn er wächst und sich seinen Weg zur Oberfläche bahnt, durchläuft er die fünf Wandlungsphasen und stößt durch die Kruste der Erde mit einem Lachen, dem Lachen des ersten Tages, der ersten Stunde, des Neuanfangs. Es ist der Moment, in dem ich die Augen aufschlage. Lebendig pulsiert mein Blut in den Adern, meine Muskelfasern dehnen sich, mein Gewebe erstarkt, mein Herz klopft, meine Organe füllen sich mit Energie. Strahlend fällt das Licht des Tages auf meine Iris. Ich gehe nach draußen. Alle Wege führen in den Himmel und die Welt entfaltet sich. Durch die sanft belebten Zweige der Hagebuttensträucher fällt das Licht und färbt alles golden. Von der Liebe getrennt zu sein, wird der Vergangenheit angehören.



Sonntag, 19. April 2020

Geschenk für meinen Vater





Lieber Papa,
seit neun Jahren bist du auf der anderen Seite und reichst dort deinem Enkel, meinem Sohn, die Hand. Ich träume oft von euch beiden, meinen liebsten Toten.
Heute bin ich mit meinen gesammelten Steinschätzen in den Wald gegangen, zu einer uralten Eiche, die ich vor zwei Jahren entdeckt habe. Es ist weit bis zu ihr, man muss auf den Berg und ganz über die Hochfläche, dann am Friedhof des nächsten Dorfes rechts abbiegen, durch eine Senke und vor dort aus durch einen Buchenwald einem sanft ansteigenden Weg wieder auf eine Anhöhe folgen. Zwischen Feld und Waldrand führt ein Weg nach etwa fünfhundert Metern zu dem alten Baum, er steht ein bisschen abseits am Hang.
Ich hatte Zeit, mich diesem Ort zu nähern und mir war, als liefe ich zurück auf der Zeitachse, zurück zu den Tagen im April vor neun Jahren, als dein Herz aufhörte, zu schlagen. Die letzten Tage waren schwierig und die Trauer überfällt mich immer noch, ich habe mir damals keine Zeit für die Trauer genommen, ich war umgezogen ins Neue und Ungewisse, ich habe versäumt, meine Trauer für dich hin und her zu wenden in Liebe und Schmerz. Dieses Mandala am Fuß der alten Eiche ist für dich. Es ist ein bisschen unter Sträuchern versteckt, ich hoffe, ich kann es eines Tages deiner Enkelin zeigen. Es ist ein Geschenk, ich möchte „Danke“ sagen für das, was du mir mitgegeben hast für mein Leben.
Du hast mir viel beigebracht, die Werte Geduld, Fairness, Demut, Bescheidenheit und das Finden von wirklichem Glück in allem, was wir tun. Deine Ausdauer, Kraft und Disziplin als Selbstständiger waren mir in meiner Freiberuflichkeit Vorbild, ebenso dein ehrenamtlicher Einsatz. Die Liebe zur Natur, dein Sinn für Ästhetik, dein Humor, dein Interesse an Zusammenhängen, vieles hatten wir gemeinsam. Ich war früher nicht so sportlich, wie du es dir gewünscht hast und auch nicht so selbstbewusst im Umgang mit Menschen, doch du hast mich immer unterstützt und meinen Weg tatkräftig begleitet. Wir waren beide Sachensucher, auf langen Spaziergängen habe ich Versteinerungen und du Obstbäume gesucht. Uns einte das Interesse an Geschichte, an der heimatlichen Landschaft, an alten Gegenständen. Du warst offen für das Wesen deiner Enkel.
Lieber Papa, ich verdanke dir viel. Heute war Zeit, meiner Liebe und Trauer Ausdruck zu geben. Mit jedem Stein, jedem Hölzchen und jeder Blüte fühlte ich mich mit dir verbunden. Du warst sicher der Schwarzspecht, der vorbeiflog, der Milan, der über uns kreiste, der Falke, der uns beäugte. Und bestimmt auch der Hase, der sich nach getaner Arbeit zeigte, als ich still auf der nahen Bank saß. Du weißt, ich war nicht allein dort, und das ist gut so.
Bald werde ich die nächste der alten Videokassetten auf deiner Kamera ansehen, ich halte die Kamera wie du und bin dir nahe, ich sehe die Ostsee wie du, sehe Mama in einer Kirche eine Kerze anzünden, sehe Russland und all das, was dich an den Orten, an denen ihr wart, interessiert hat. Ich höre deinen Kommentar, lese Datum und Zeit, denke an früher und an heute und bin dir nah.
Danke für alles, Papa. Deine Tochter.