Donnerstag, 28. Juni 2018

Sommer





Auf dem  Teerdach der Dreiergarage zeichnen die Bäume Schattenbilder. Unmerklich wandeln sie sich. Vielleicht sind ihre Bewegungen deshalb etwas unscharf. Oder liegt es an der groben Körnung der Dachpappe? Das Dach wartet auf den Herbst. Es liebt den Klang der Walnüsse, mit denen der Nussbaum es bewirft. Bis es soweit ist, lässt es sich von den Füßen der Amseln kitzeln und vom Wind den Rücken streicheln.


Dienstag, 24. April 2018

DOKU







DOKU

Ich kann keinen Film mehr sehen, ohne den Inhalt auf mich zu beziehen. Nicht einmal eine Naturdoku über das Erzgebirge zum Beispiel. Binnen Sekunden nehme ich jede Rolle an, die mir angeboten wird. Ich werde wie die Köcherfliegenlarve, die zu ihrem Schutz kleine Steine zu einem Köcher verklebt. Eine Hülle entsteht um meinen Körper, nur aus Geschichten, von denen die meisten recht neu sind und noch ungefestigt, noch nicht in einer Erzähltradition zusammengehalten, sondern als Teilchen im freien Raum schwebend. Der Klebstoff, von mir abgesondert als Aneinanderreihung von Worten über Sinn und Wahrheit, droht sich im Lauf der Zeit aufzulösen und ich muss stets befürchten, plötzlich nackt da zu stehen, mit nichts als der Trauer.
Als nächstes bin ich die Feuersalamanderin, ihre Jungen lebend gebärend. Vom Zerreißen der Eihaut an müssen sie alleine durchs Leben gehen. Ich sehe ihnen nach und frage mich, wann damals meine Eihaut riss. Oder ob ich mich vielleicht immer noch darin befinde, oft scheint es mir so. Um- und umgewirbelt in der Welt, umgeben von einem Band aus Gedankenschleifen, kann ich dieser Beschleunigung nichts entgegensetzen, geschweige denn, die Richtung vorgeben.
Schnell nehme ich die Gestalt einer Wassermaus an. Ich zwinge mich zum Tauchen. Es sieht leicht aus, aber die Tiefe kostet mich viel Kraft. Um meiner Rolle gerecht zu werden, sammle ich mit Schnappatmung Wortblasen in meinen Haaren an. Diese Einsprengsel aus Luft helfen mir, am Grund des Baches Steingewichte mit meinem Körper zu stemmen, die das Mehrfache meines Eigengewichts ausmachen. Ich halte Seminare für Trauernde, schreibe ganze Romane zu Ende, gebe Qigong-Kurse und so weiter. Es gelingt mir, den Leuten vorzutäuschen, dass es mir gut geht.
Am liebsten bin ich die Wasseramsel. Ich mag das Weiß der Trauer am Körper. Ich vereine zwei Elemente. Ich fliege, aber ich kann auch, wie sie, mit offenen Augen abtauchen, wenn ich mich beobachtet fühle und am Grund mit dem Schnabel Steine wälzen, meiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen. Wasser ist ein mächtiger Gestalter, im Gespann mit der Zeit, sagt die sonore Sprecherstimme in mein Ohr, während es um mich rauscht. Wie schwer es sein kann, wieder ins Fließen zu kommen, weiß ich.
Wasser hat einen spitzen Kopf, sagt man. Zu mir hat das noch keiner gesagt. Alle außer mir wissen so etwas. Selbst die Kindergartenkinder in meinem Projekt gestern versuchten, es mir begreiflich zu machen. Ständig zeichneten sie Wassertropfen mit spitzen Abrissenden.
An dieser Stelle schalte ich den Bildschirm dunkel. Mehr Rollen will und kann ich für heute nicht einnehmen.

©barbarabiegel2018


Mittwoch, 28. März 2018

Kann Gras hören?




Natürlich kann Gras hören. An der obersten Spitze des Halms befindet sich das Grashalmohr. Es ist so klein, dass es von Menschen mit bloßem Auge nicht wahrzunehmen ist. Seit Jahrtausenden, seit Anbeginn der Zeit, hören die Grashalme in die Welt. Alles, was in sie dringt an Klängen und Geräuschen, leiten sie über besonders dafür eingerichtete, senkrechte Bahnen in ihrem Inneren nach unten in die Erde und verteilen es dort durch die Wurzeln bis in die feinsten Verästelungen. Türkisfarbene Amöben nehmen die feinen Schwingungen in sich auf, wandeln sie um in kleine Kristalle und bringen sie in riesige, unterirdische Depots. 
Immer zur Sommersonnenwende dehnen sich nachts die angehäuften Kristalle aus und steigen über Schleusen zu Mauselöchern empor an die Oberfläche. Als Wolken, so groß wie das Ausatmen der Ameisen im Winter, treibt sie der Wind in alle Richtungen. 

©Barbara Biegel 2018




Das Foto ist ein Filmstill aus meinem Stop-Motion-Film "Der Warner". In einer zaubrischen Welt ist vieles möglich....

Montag, 19. März 2018

Mein Weggehen ist wie Dampf




Mein Weggehen ist wie Dampf

Es erinnert mich an das Video im Museum, in dem nach einer unterirdischen Explosion dicke weiße Wolken aus dem Krater der Erde quellen, fortwährend und unaufhaltsam. Manchmal fühlen sich meine Schritte in das neue Leben so an. Und es geht mir gut dabei. Mein Weiß erobert sich neue Räume, steigt auf bis hoch in den Himmel und transportiert sogar Steine und Erdklumpen bis in andere Sphären. Unbrauchbares löst sich von Wesentlichem und die Dinge kommen in jenes Schweben, in dem sich alles gut und richtig anfühlt. Dann wieder schrumpft mein Plan zu einer kleinen grauen Säule aus Rauch, der Dampf verfärbt sich und verliert sein Leuchten, meine Energie wird blass und wankelmütig lässt sie sich vom Wind verwehen. Warum? Ich versuche die Ursache herauszufinden.  Wie kann ich mein Ziel, mein Wollen wieder sammeln, verdichten, mich ausbreiten? Dann nehme ich mir ein Beispiel an den Wolken. Lange betrachte ich die Gestalten, die sie hervorbringen. Und docke wieder an, an dem Eigentlichen, an meinem Wunsch nach Veränderung. Ich brauche nur eine Zeitlang die Nähe der Wolken zu suchen, dann beginnt es auch in mir wieder aufzusteigen. Weiß, dicht und kraftvoll. Meine Visionen formen sich neu und werden konkreter, ähnlich den Silhouetten der Vögel, die aus dem Dunst sich nähernd, sichtbar und unterscheidbar werden. Mein Weggehen ist wie Dampf, nie kalt, stets warm, mich einhüllend. Aus ihm trete ich hervor, aufrecht und betrete das neue Land.

Mein Weggehen ist wie Dampf. Manchmal nur heiße Luft. Nicht zum Begreifen. Ich habe nichts in der Hand, nur ein Sehnen, das sich immer wieder verflüchtigt. Hat mein Weggehen eine Berechtigung? Ist es nicht nur etwas Allzu leichtes, Veränderliches, Wankelmütiges? Das flüstern mir die Zweifel ein.


Freitag, 23. Februar 2018

weit




Der Film ‚weit‘ sitzt mir in den Knochen, füllt mit Tränen das Reservoir des Stausees hinter meinen Augenwinkeln auf, legt eine Mattigkeit in meine Gesten.
Der Film „weit“ lässt mich jubeln über die Schönheit der Erde, berührt mich wegen des Lachens der jungen Frau, wegen des Entgegenkommens der Menschen, der Verständigung ohne Worte, er öffnet mein Herz und macht mich mutig, ebenfalls Wegzugehen, meine Einsamkeit zu verlassen, er schenkt mir die Botschaft: Vertrauen.
Sich Raum zu nehmen, sich auszubreiten, zeitlich wie räumlich
Einer Reise so viel Zeit zu geben, dass sie ohne vorherbestimmtes Ende ist und dreieinhalb Jahre dauert, so lange, bis sich das Gefühl einstellt, sie könnte zu Ende gehen, weil die Sehnsucht nach dem heimatlichen Frühling auftaucht in den Köpfen – unvorstellbar in den Zusammenhängen, in denen ich lebe.
Eine Reiseroute, die nicht linear ist, sondern nur grob die Richtung vorgibt und sich am nächsten Schritt entlang bewegt, die Offenheit, spontan einer Empfehlung zu folgen, der Wunsch, auch das Nachbarland zu entdecken, Schleifen und Umwege zuzulassen, - berührend ist die Linie der Reisenden auf der Weltkarte, voll überraschender Wendungen, weil sie sich im Jetzt bewegten, mit dieser im Alltag so schwer beizubehaltenden Qualität an achtsamer Wahrnehmung.
Am faszinierendsten für mich die Erweiterung des Paares zur Familie. Mit dem Gedanken, dass Mütter überall auf der Welt Kinder bekommen, kann die Reise fortgesetzt werden, ohne Sicherheitsbedenken und Rückkehrzwang. Die Entscheidung erzählt vom Vertrauen in das Leben und die Nähe des Paares zueinander, den Gleichklang und die Entspanntheit. An den großen, wichtigen Entscheidungen zeigt sich die Liebe.