Mittwoch, 31. Dezember 2025

Hommage

 

Der Film „perfect days“ von Wim Wenders, den wir gemeinsam im Kino gesehen haben, kommt in der ARTE Mediathek. Ich schaue ihn mit deinen Augen an.

In der ersten Szene erhebt sich der Mann am Morgen, rollt das Futon zusammen und stapelt Bettzeug und Matratze in einer Zimmerecke. Ich hörte dich im dunklen Kinosaal neben mir murmeln: „Ohne lüften und ausschütteln! Geht gar nicht.“ Du mochtest den Filmbeginn, wie du mir später sagtest, die einfachen Handgriffe, die der Mann Tag für Tag ausführte, bis hin zum täglichen Besprühen der selbstgezogenen Zimmerpflanzen. Du hast dich in ihm wiedergefunden, in dem morgendlichen Ritual, dem Aufbruch zur Arbeit, in den aufgereihten persönlichen Gegenständen auf dem Brett an der Tür, inklusive der Armbanduhr, all das hat zu dir gepasst. Die schlichte, etwas ärmliche Umgebung, die Liebe zu den aus der Zeit gefallenen Musik-Kassetten. Beim morgendlichen Losfahren wählt der Mann eine Kassette, legt sie in das Kassettendeck des Autos ein und in der Dämmerung taucht zu „There is a house in New Orleans“ der hohe Turm der Stadt auf. Ein Turm aus Stahl und Glas, so einen gibt es auch in deiner Stadt. Musik legt sich über die Straßen und Gebäude Tokios bis zum ersten Arbeitsort. Das Umschnallen der perfekt gepackten Tasche samt Schlüsselbund und Arbeitsutensilien. Mit der bloßen Hand hättest du den Müll in der Toilette nicht aufgehoben, aber den täglichen Blick in die vom Wind bewegten Baumkronen hättest du geteilt. Auch das Hingezogen-Sein zu Kindern, die immer kamen, wenn du Musik gemacht hast, mit ihren neugierigen Blicken und Fragen. Der Mann betritt den Park, nicht ohne sich am Eingang zu verneigen, und nimmt auf einer Bank sein Vesperbrot zu sich. Mit einer altmodischen Olympus-Kamera fotografiert er nach oben in die Baumkronen. Er bemerkt einen kleinen Baumsetzling und nimmt ihn in einer gefalteten Tüte aus Zeitungspapier mit nach Hause. Das Fürsorgliche des Mannes wird sichtbar, du hättest ebenso wie er gelächelt, als eine Gruppe Kindergartenkinder an einer Ampel die Straße überquert. Der kleine Baumsetzling wird vorsichtig in einen Tontopf umgesetzt, der Overall ausgezogen und es geht mit dem Fahrrad weiter, deinem liebsten Verkehrsmittel. Ziel ist das öffentliche Bad. Eine Männerwelt, in der Wasser und Reinigung eine große Rolle spielen. Am Abend wird gelesen, mit deiner rundlichen Brille, bis die Müdigkeit kommt. William :-) Faulkner. Nachts Träume von einer Kinderhand in der Hand eines Alten, dazu Bewegung. Nicht leicht zu dechiffrieren, wie deine eigenen Träume. Und wieder ein Lied, das du auch gesungen hast: Sitting on a dock of a bay, wasting time. Dann geht der Mann Beziehungen ein, verleiht Geld, lässt sich ausnutzen. Das hätte auch dir passieren können, oft haben dich Menschen für ihre endlosen Geschichten missbraucht, ohne nach deinem Leben zu fragen. In manchen Dingen warst du wie aus der Welt gefallen, hast auf die Qualitäten des Alten vertraut, auf die Freundlichkeit der Leute, hast Brot auf den Gusseisenplatten des Herds getoastet, wolltest nur Räder mit Stahlrahmen und ohne Stoßdämpfer gelten lassen, hast Gemüse und Obst nur saisonal gekauft. Im Film kommt der ganze Schmerz der Vergangenheit hoch, als Familienmitglieder auftauchen. Der Mann weint und etwas löst sich, Unruhe macht sich breit, Worte fließen. Bier und Zigaretten helfen auch hier nicht, ein krebskranker Mann bringt ihn mit dem Tod in Berührung, er sagt: „Es gibt so vieles, was ich nicht begriffen habe, und schon ist alles vorbei.“ „Its a new dawn, its a new day, its a new life for me – and I’m feeling good”, tönt es während der Autofahrt. Da lacht der Mann und freut sich, als er das hört, dann weint er wieder und dann fasst er wieder Mut. Das Leben geht weiter. Zumindest im Film, da hört es nie auf.

Ein gutes neues Jahr!


Donnerstag, 25. Dezember 2025

Rauhnächte


 

 

 

Es waren einmal zwei junge Frauen, die in zwei weit auseinanderliegenden Städten wohnten und sich schon lange nicht mehr gesehen hatten, weshalb sie beschlossen, sich einen Tag vor Weihnachten zu treffen, bevor sie zu ihren Familien weiterreisten. 

Es ergab sich, dass die eine, die dunklere von beiden, sich zu der helleren aufmachte, weil sie diejenige war, die ein Fahrzeug hatte. Sie kam auch glücklich in der mittelalterlichen Stadt mit der Steinernen Brücke an und die beiden freuten sich, einander zu sehen. Sie hatten sich so viel zu erzählen, dass sie erst weit nach Mittag zu einem Spaziergang aufbrachen. 

Ihr Ziel war ein tempelähnliches Bauwerk, das sich auf einem bewaldeten Hang hoch über dem Strom der Gegend erhob. Dicht lag Nebel über allem und man konnte nur wenige Schritt weit sehen. Anfangs war noch das Brausen des Wassers zu hören, doch bald verschluckte der Nebel jedes Geräusch und nichts war vernehmbar bis auf die Rufe der Vögel, die alle Welt vor den beiden Menschen warnten. Ein Pfad führte in vielen Windungen zum Fuß einer Treppe. Stufe für Stufe ging es höher, bis die mächtigen Säulen eines Gebäudes aus dem Nebel aufragten. Stimmen und schattenhafte Gestalten ließen sie innehalten. Ein Wesen, ganz in Weiß gekleidet, erschien vor ihren Augen, gefolgt von einem dunklen Schatten. Die beiden Frauen entspannten sich, als sie erkannten, dass es sich um ein Hochzeitspaar handelte, das, er im schwarzen Anzug, sie trotz der Kälte im ärmellosen Brautkleid mit Schleier, für einen Fotografen posierte. Die jungen Frauen gingen weiter zum Eingang des Gebäudes, wo ein Wächter Eintrittsgeld von ihnen verlangte. Sie betraten die weite Halle, in der steinerne Portraits und Tafeln auf sie herabblickten wie aus längst vergangenen Zeiten. Auf einmal war zu hören, wie das große Eingangsgitter herabgelassen wurde. Sie nahmen wahr, dass sie die letzten Besucherinnen der Halle waren und eilten zum Ausgang, der wirklich bereits geschlossen war, und sie riefen nach dem Wächter. Brummig und unwillig, weil er ihretwegen seine Arbeitszeit hatte ausdehnen müssen, holte er einen riesigen alten Schlüssel und sperrte ein kleines Türchen auf, durch das sie hinausgelangen konnten. 

Es dämmerte, als sie den Wald von neuem betraten und nachdem sie sich mit Hilfe eines bläulich schimmernden Gegenstands orientiert hatten, wählten sie aus der Vielzahl der Wege ihren Rückweg aus. Es war, als hätte der Nebel zusammen mit der Dunkelheit inzwischen alles verschluckt, selbst die Baumstämme, die sich nur zögerlich seitlich zeigten. Schweigend liefen sie und waren froh, als plötzlich ein Gemäuer mit einer Türe auftauchte, über der ein beleuchtetes Schild hing. Fahl warfen Fenster helle Vierecke auf das Pflaster. Die jungen Frauen sahen einander an und beschlossen, die wenigen ausgetretenen Stufen emporzusteigen, öffneten die Türe, fanden sich in einem Gang wieder und traten in die erste der abgehenden Türen ein. Glücklich fanden sie so die Gaststube. Kein Mensch befand sich darin, in der Küche hinter der Theke war es dunkel. Unsicher setzten sie sich an einen Tisch, auf dem ein Teller mit einem rotbackigem Apfel lag, als eine alte Frau die Stube betrat und ihnen freundlich Bescheid gab, Essen gäbe es noch keines, aber sie könnten etwas zu trinken haben. Dankbar bestellten sie Tee. Die alte Frau bediente sie, zog dann eine Jacke über, nahm eine Taschenlampe zur Hand und verkündete, sie würde sich jetzt auf die Suche nach ihrer verschwundenen Gans machen, sie könnten zahlen oder warten, bis sie wiederkäme und mit dem Kochen begänne. 

Da verabschiedeten sie sich schnell und sprachen draußen miteinander über alles, was ihnen bisher begegnet war: der zaubrische Nebel, das Hochzeitliche Paar, der zwergenhafte Wärter, die alten versteinerten Weisen, die alte Frau in dem einsamen Haus mit dem Apfel auf dem Tisch, und sie fragten sich, was ihnen wohl noch begegnen würde. Doch sie fanden den Rückweg in die Stadt ohne Schwierigkeiten und ohne, dass jemand ihren Weg kreuzte. 

Auch in den mittelalterlichen Gassen herrschte Nebel. Die ungezählten Lämpchen der Weihnachtsbeleuchtung erzeugten trotz allem das Gefühl von Geborgenheit. Niemand war unterwegs, so dass die jungen Frauen sofort stehen blieben und lauschten, als sie in einiger Entfernung wiederholt tiefe Klopfgeräusche und Stimmen hörten. Vorsichtig bewegten sie sich durch wenige Häuserreihen darauf zu, bis sie am Ende einer schmalen Gasse auf einen Platz traten, auf dem riesige gehörnte Gestalten, die mit großen Knüppeln und Stecken gegen das Pflaster stießen, sich auf sie zu bewegten, wobei manche ihrer Augen grün leuchteten und Felle und Mäntel schwer über den Boden streiften. Starr vor Schreck standen die beiden Frauen und dachten, sie wären am Ende zur Gänze in einem Reich gefangen, in denen Zwerge, Hexen, Könige und Geister die Macht hatten, als sie sahen, dass sich hinter den Gestalten eine Menge auf den Platz ergoss, die das Ganze als feierliches Spektakel anzusehen schien. Die Leute lachten und liefen kreischend davon, wenn sich eine der Gestalten aufmachte, sie mit einem Knüppel zu verfolgen. Feuerakrobaten, die sich unter die Menschen gemischt hatten, gaben dem ganzen ebenfalls einen eher festlichen Charakter. „Es ist Thomastag!“, rief die helle der Frauen. „Heute ist Wintersonnwende. Die Perchten läuten die Rauhnächte ein!“ Mittlerweile hatte der seltsame Zug auf der Mitte des Platzes einen Kreis gebildet, dahinter reihten sich die Zuschauer, die beiden jungen Frauen hatten sich, angezogen von der magischen Stimmung, in die erste Reihe geschoben. Die Perchten gingen auf die Leute los, riesige aufgespannte Flügel zitterten, Totenköpfe leuchteten, spitze Ohren und krumme Nasen verschwammen beim Tanzen mit fliegenden Fellstreifen. Die Erscheinungen waren furchterregend und alle erschauerten bei ihrem Anblick. 

Die jungen Frauen gaben sich die Hand und lösten so den Bann, schlüpften durch den Ring der Menge, eilten durch die Gassen zurück zum Fluss und kamen bald an jenem Ort an, von dem aus sie sich in das Abenteuer dieses Abends begeben hatten. Dort umarmten sie sich und beim Verabschieden griff die helle junge Frau in ihre Jackentasche und hielt ihrer Freundin den roten Apfel aus dem Wirtshaus hin. Die nahm ihn und schenkte die blaue Feder zurück, die sie am Ufer des Flusses gefunden hatte. Dann trennten sie sich und lebten weiter glücklich bis ans Ende ihrer Tage.

 

 

 

Donnerstag, 18. Dezember 2025

Von Hunden und Menschen

Foto: William, Negros 2012

 

Ja, typisch, denke ich, und runzele die Stirn.

Eine ganz junge Frau berichtet auf youtube, wie sie sich im emotionalen Weihnachtsmodus in die supersüßeste Bulldogge verliebt hat und sich das Tier zum Geschenk gemacht hat. Die junge Frau ist sehr hübsch, steht neben ihrem Freund, mädchenhaft gestylt mit großen Augen und langen künstlichen Wimpern. Nun hat sie den Hund schon zwei Jahre und die Probleme wachsen ihr über den Kopf. Erst hat er seine Spielzeuge nicht mehr hergeben wollen, dann seine Besitzerin bewacht und alle anderen Mitglieder der Familie bereits gebissen: Freund, Bruder, Mutter und Oma. Am Ende will er selbst die junge Frau beißen.

Kopfschüttelnd sehe ich mir das Debakel an und bin schnell mit meinem Urteil: das Mädel ist einfach zu oberflächlich und unreflektiert – das konnte nicht gut gehen.

Ich bin gespannt, wie C.M. der amerikanische Hundeflüsterer, den man zu Hilfe gerufen hat, auf die Situation reagiert. Er kommt und hat keine Vorurteile wie ich, er ist ganz im Jetzt, lässt sich die Situation schildern, beobachtet den Umgang mit dem Hund und stellt fest, dass das Tier verwirrt ist und orientierungslos. „Aggression ist immer nur ein Symptom“, sagt er. Er begegnet der jungen Frau unvoreingenommen und sagt ihr, dass sie an sich selbst arbeiten muss. Humorvoll schafft er eine Atmosphäre voller Aufmerksamkeit, in der es Menschen leicht fällt, seine Hinweise anzunehmen. Die junge Frau weint und erkennt, dass es an ihr ist, etwas zu ändern. Sie muss lernen, sie selbst zu sein, präsenter, ruhiger, selbstbewusster. C.M. nimmt den Hund mit, der selbst ihn  von Anfang an beißen will. Es ist zu gefährlich, ihn dort zu lassen, wo alle vor ihm Angst haben und sich in ihrem Haus nicht mehr wohlfühlen. Der Hundeflüsterer beschäftigt sich mit dem Hund, der anfangs nicht fähig scheint, sich in das Rudel auf dem Gelände zu integrieren. Eine tief verunsicherte (Hunde-)Persönlichkeit, die Gemeinschaft erst lernen muss.

Das kenne ich von meiner eigenen Geschichte, denke ich. Ich lerne, dass Tiere oft Spiegel sind, für Unerledigtes, Unklarheit, für fehlende Entwicklung. Ich erinnere mich wieder an eine wichtige Aufgabe, die mir eben nicht gelungen ist: Nicht zu bewerten, weder Tier noch Mensch. Jedes Wesen ist auf seinem Weg, und dieser Weg dauert so lange, wie es dem Individuum möglich ist.

Im Lauf des Films ist zu sehen, wie das Äußere der jungen Frau sich verändert und ihre berührende, natürliche Schönheit ans Licht kommt. Sie macht noch einige Fehler, aber sie bleibt dran, bleibt offen für Hinweise, auch wenn es weh tut. Sie merkt, dass sie dabei ist, zu wachsen und dass es um Grenzen setzen und um Entwicklung geht.

Ich bewundere C.M., der vorurteilsfrei, kreativ und mit großem Herzen daran glaubt, dass Menschen sich verändern können. Am Ende des Films hilft er der jungen Frau dabei, dem Freund, dem Bruder, der Mutter und der Oma zu zeigen, dass sie den Hund im Griff hat, indem sie Ruhe bewahrt.

Fazit: Menschen und Hunde können sich ändern. Auch ich.


Sonntag, 7. Dezember 2025

Dankbarkeit

 

    Zum Barbaratag

 

Heute soll von Dankbarkeit die Rede sein. Dankbarkeits-Gedanken tauchen in mir auf und wollen ausgedrückt werden. Im Wort „Ge-dank-en“ ist der Dank schon enthalten – für mich heißt das, schon das Denken-Können als Geschenk zu betrachten. Eine meiner Lieblings-Übungen im Qigong ist „Den Affen vertreiben“. Mit einer weitausholenden Bewegung schieben wir den imaginären Affen, Sinnbild für den unaufhörlichen Gedankenstrom, von unserer ausgestreckten Hand weg. Mit ihm schieben wir Gedanken an eine bedrückende Gegenwart mit ToDo-Listen, an eine sorgenvolle Zukunft, an eine Vergangenheit voller nicht rückgängig zu machender Entscheidungen und zuletzt jede Menge meist negativer Bewertungen über uns und andere weg.

Die für Ungleichgewicht sorgenden und mich aus meiner Mitte zerrenden Gedanken, schiebe ich gerne weg, aber meine Gedanken zur Dankbarkeit will ich  behalten und kultivieren.

Wie dankbar bin ich dafür, dass ich sehen kann. Zum Beispiel gestern den Film* im Saal einer alten Gastwirtschaft, gezeigt an dem von einer Freundin organisierten monatlichen Kinoabend. Oder den Nebel heute Morgen, der sich bei einsetzendem Regen im Tal sammelte. Oder die Blaumeisen von meinem Küchenfenster aus, die sich am Futterplatz um Sonnenblumenkerne streiten. Und ich kann lesen, bin glücklich über die Zeilen meiner Tochter, die von Liebe und Dankbarkeit erzählen.

Ich nehme mir vor, an dieser Stelle wieder regelmäßig zu schreiben, jetzt, nachdem Zeit war für Trauer, für das Ankommen an einem neuen Ort, für den fordernden Vollzeitjob. Jede kommende und gehende Zelle meines Körpers hat mich während all dieser Prozesse aufrecht erhalten, hat mich durch die Wandlungsphasen getragen und dafür gesorgt, dass ich mich immer wieder einschwingen kann in das, was ist. Dazu gehört die Fähigkeit, dankbar sein zu können.

 

*

 

Der Film „Wunderland“, laut Filmkritik eine ebenso bildgewaltige wie berührende Doku über einen magisch anmutenden Ort, der nicht nur den Kinderwunsch seiner Schöpfer wahr werden ließ, sondern auch alle, die ihn besuchen (egal ob in echt oder jetzt im Kino), zum Träumen einlädt.

filmstarts.de/kritiken/320133/kritik.html