Donnerstag, 22. Juni 2023

Eine kleine ältere Frau

 

 


Eine kleine ältere Frau mit kinnlangen grauen Haaren, sie mag Ende Fünfzig, Anfang Sechzig sein, geht mit schnellem Schritt auf dem Fußgängerweg durch die Senke, die den Ort in zwei Hälften teilt. Ihr Körper ist der eines Mädchens, eher stämmig als zierlich, ihrem Schritt sieht man an, dass sie gewohnt ist, weite Strecken zu laufen. Sie trägt einen hellen Rock aus fließendem Stoff, der ihr gut steht, dazu ein türkisfarbenes Oberteil und Turnschuhe, und sie strahlt etwas Frisches, Jugendliches aus. Auf eine besondere Art wirkt sie frei, ihr Gang hat etwas Zuversichtliches, Brustkorb und Schultern sind entspannt, aufmerksam wandert ihr Blick über Wiesen und Häuser. Auf der Brücke über den Fluss bleibt sie einen Augenblick stehen und beugt sich über das Geländer, wechselt auch auf die andere Seite und sieht hinab. Als eine Elster auffliegt, verfolgt ihr Blick ihren Flug bis in die Krone der absterbenden Erle. Dann setzt sie sich wieder in Bewegung und wendet sich dort, wo der Weg die Straße kreuzt, nach rechts. Zu so früher Stunde ist sie sicher auf dem Weg zur Arbeit, vielleicht auch zum Bahnhof, er liegt nur fünfzehn Minuten entfernt. Sie verschwindet hinter dem ersten Haus – und da kommt mir auf einmal ein Bild in den Sinn. Blaues Gletscherwasser strömt von den Bergen herab. Es ist klar und durchsichtig und bildet zwischen schweren, rundgeschliffenen Felsblöcken Strudel. Auf einem dieser Strudel kreist hingebungsvoll ein Blatt.

 

©BarbaraBiegel23

Sonntag, 12. März 2023

Im Wald/Bäume

 

Im Wald

 

Vielleicht denkst du, im Wald herrsche die Senkrechte vor.

Es kann sein, du nimmst die aufrechten Stämme der Bäume wahr. Doch das ist nicht die ganze Wahrheit.

Sieh doch, wie die Äste in den Raum ragen, sieh die Wurzeln sich ihre Wege suchen - auf der Suche nach Nahrung erfüllen sie die wesentlichste aller Aufgaben, nämlich Halt zu geben.

Sieh das Bestreben der Krone, die Form der kleinsten Einheit, ob Nadel oder Blatt, im Großen abzubilden.

Verfolge die Wuchsrichtungen der feinsten Zweige, die Flugbahnen der Vögel, die weichen Ummantelungen des Mooses und die Querrisse der Rinde – all das zeigt uns, dass es nicht um ein Wachstum geht, das immer weiter nach oben und außen strebt, sondern um eines, das sich verdichtet um einen Kern.

Es geht um das Innere, auf das sich alles bezieht, so wie unser Handeln sich auf unser Inneres beziehen sollte, auf die Fragen und Antworten nach dem Woher und Wohin, verbunden mit Allem, gegründet auf Liebe.

 








 

Samstag, 28. Januar 2023

Was mich trägt


Aufgang zum Schreibworkshop

Mich trägt der Gedanke, dass alles mit allem verbunden ist. Eben noch schien auf meinem Cluster alles auseinander zu strömen, doch dann haben sich mehr und mehr Querverbindungen eingestellt, viele Striche haben sich wie von allein mit dem verbunden, was mich trägt. Selbst ganz oberflächlich erscheinende Kreise, in denen ‚Schokolade‘ steht oder ‚Kniegelenke‘, haben ihren Weg gefunden zu dem Eigentlichen. Erst dachte ich, alles laufe auf den Kreis der ‚Resonanz‘ zu, dann ging es doch weiter, zu dem kleineren Nachbarkreis, in dem ‚Liebe‘ steht. Mich tragen Füße, Kniegelenke, Muskeln, Beine etc., ja, auch Schuhe, auf Mutter Erde, im Draußen, zu Bach, Fluss, See, Wald, Baum, Berg und Stein, denen meine Liebe gilt. Sie tragen mich auch zu Menschen mit ihren Blicken, dem Lachen und dem Berührt-Werden. Beides, die Natur und die Menschen, sorgen für Resonanz, bilden den Kreis der Lebenserfahrungen, den vielen kleinen und der einen großen, die alles übersteigt. Und diese Erfahrungen finden Widerhall in der Kunst, auch sie trägt mich, indem ich sie ausübe und sie mir erlaubt, alles zu verwandeln. Sie trägt mich auch, weil sie mich mit anderen verbindet, die sich ebenfalls durch sie ausdrücken, ob durch Filme, Bücher, Bilder oder Gedanken. Begegnungen tragen mich, ob mit mir, mit meinem Körper oder mit den Kindern in meiner Arbeit. Da ist sie wieder, die Liebe.

Ein Geflecht aus Strichen und Kreisen, in dem alles fließt, alles in Bewegung ist, getragen von Liebe. Und weil mir das jetzt zu pathetisch vorkommt, denke ich schnell an den kleinen Kreis ganz rechts, in dem ‚Gummibärchen‘ steht. Ich liebe Gummibärchen, sie tragen besonders weit.

 

 


 

Sonntag, 8. Januar 2023

Was geschieht innerhalb einer einzigen Minute?

 

 

Innerhalb einer einzigen Minute geschieht vieles gleichzeitig. Der Sekundenzeiger springt auf 19 Uhr 38.

Meine Tochter rührt in einer Stadt im Norden ihre Kürbissuppe um. Der vom Topf aufsteigende Dampf hat kleine, feine Locken auf ihrer Stirn festgeklebt. Während sie umrührt, bewegt ein Windstoß den Vorhang in ihrem Zimmer. Sie hat das Fenster zum Lüften geöffnet. Ein mit Stecknadeln an die Tapete gepinntes Blatt Papier mit einer Zeichnung darauf fächelt leicht. Draußen ertönt der Ruf einer Amsel. Am Giebel der Mühle unterhalb unseres Hauses lockert sich eine Glühbirne an der überdimensionalen Weihnachtsbeleuchtung. Innerhalb von Sekunden verlöschen nacheinander alle Lichter. Plötzlich klingelt das Telefon. Jemand hat sich verwählt und entschuldigt sich wortreich. Meine Mutter schaltet wenige Kilometer entfernt den Fernseher ein, weil ihre Lieblingssendung ausgestrahlt wird. Am anderen Ende der Welt schlagen die Wellenausläufer eines Kreuzfahrtschiffs an den Sandstrand einer Küste. Viele Menschen schlafen, viele Menschen essen, viele arbeiten. Viele lächeln. Viele weinen. Bäume atmen ein und aus.

 

 

Zierquittenkernkette zum Zählen der Zeit

 

Montag, 5. Dezember 2022

Der Advent

 



Der Bezugsstoff des Sofas, auf dem der Advent saß, sah orientalisch aus, was mich nicht wunderte. Schließlich hatte die Sache mit der Krippe weit im Osten stattgefunden. Auch, weshalb er sich die hinterste Ecke des Cafés ausgesucht hatte, um Platz zu nehmen, lag auf der Hand. Sie war am dunkelsten und leuchtende Kerzen würden dort am besten zur Geltung kommen. Ich sah genauer hin und bemerkte, dass aus der Teetasse, die vor dem Advent stand, eine kleine zarte Rauchsäule emporstieg, die sich anmutig kräuselte. Er schien auf Gäste zu warten.



 

Wiederholt ließ er den Blick über die drei Stühle schweifen, die das Tischchen umstanden. Jedes Mal, wenn sich die Eingangstür mit einem Bimmeln öffnete, richtete er sich auf und blickte erwartungsvoll auf die Eintretenden, um dann kopfschüttelnd wieder etwas in sich zusammenzusinken. Je mehr Zeit verstrich, desto mehr tat mir der Advent leid. Gäste kamen und gingen, doch augenscheinlich war keiner von denen darunter, die vom ihm erwartet wurden. Irgendwann gab ich mir einen Ruck und ging hin. Große blaue Augen, in denen kleine goldene Sterne zu blinken schienen, sahen mich an. „Äh, hallo“, sagte ich, „kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?“ Keine Ahnung, wieso ich mich so förmlich ausdrückte. Die Gestalt auf dem Sofa raffte den rotschimmernden Mantel etwas zusammen und forderte mich mit einer einladenden Geste auf, Platz zu nehmen. Sie hatte also die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass die Stühle noch gebraucht werden würden. 

 

 Ich setzte mich auf den orientalischen Stoff und nahm plötzlich wahr, wie die aufgedruckten Palmen, Kamele und Sonnen zu flimmern begannen. Der Untergrund glitzerte sandfarben. Mir wurde fast ein bisschen schwindelig. Da fielen drei schwarze Schatten auf mich und rasch sah ich hoch. Wie gezackte Berge standen dunkle Gestalten im Gegenlicht der Deckenlampe. Details konnte ich nicht erkennen. Die Sitzfläche des Sofas schwankte, als sich der Advent erhob. „Da seid ihr ja!“, sagte er mit einer Stimme, die wie ein wohltönender tiefer Gong war, „setzt euch!“ Es knirschte unter den Füßen der drei Männer, als sie Platz nahmen. Von draußen war ein eigenartiges Geräusch zu hören, das wie das tiefe Brummen eines Kamels klang. „Habt ihr alles?“,  fragte der Advent, und sah die Männer, die Kronen und Turbane auf dem Tischchen abgelegt hatten, aufmerksam an. Sie nickten. Mit einem Lachen klatschte der Advent in die Hände: „Dann kann nichts mehr passieren!“ Er beugte sich vor: „Euer Ziel ist die Hauptstadt. Ein Schrebergarten in Friedrichshain. Der Stern wird euch den Weg zeigen.“ Ich konnte mir nicht erklären, weshalb ich auf einmal so müde war. Kam es von der Hitze, die in diesem Teil des Cafés plötzlich herrschte, kam es von dem betörenden Duft, der von der linken Gestalt ausging oder war der Körper des Advent die Ursache, der eine große, behagliche Wärme ausstrahlte. Mir fielen die Augen zu und ich schlief ein. 

 

Irgendwann klapperte die Bedienung mit dem Besteck und ich schrak auf und sah mich um. Niemand war mehr da. Nur einige Sandhäufchen auf dem Fußboden und etwas Goldstaub auf dem Tisch bewiesen, dass ich nicht geträumt hatte. Als ich aufstand, stieg eine Wolke von Zimtgeruch vom Sofa auf.