Es gab viele Spiegel da draußen. An den Anlegestellen des Sees spiegelten sich die Boote. An den ruhigen Stellen des Flusses die Zweige der Weiden. Im Bach spiegelte sich das Grün der Ufervegetation.
Am liebsten waren ihr die Pfützen. Es gab sie in unterschiedlichen Größen. Es hing davon ab, wie viel es geregnet hatte. Je nachdem, von welcher Perspektive aus sie ihre Oberfläche fotografierte, fing sie den Himmel mit seinen Wolken ein oder Windräder oder das Laub der Bäume über ihnen.
Immer war sie glücklich über das Bild, das die natürlichen Spiegel zurückwarfen und sie verstand, weshalb die „richtigen“ Spiegel erfunden worden waren. Man wollte sich selbst betrachten und das gleiche Glück empfinden, sobald man hineinblickte.
Kein Wunder, dass die Spiegelproduktion damals so schnell Fahrt aufgenommen hatte. Meist Frauen arbeiteten an den Doppeltischen, an denen der Arbeitsvorgang des Belegens mit Quecksilber so effizient wie möglich ablaufen konnte. Anfangs begriff man nicht, weshalb die Gesundheit der Frauen litt und weshalb es zu Totgeburten kam. Als man den Zusammenhang mit der Arbeit erkannte, schlug einer vor, jüngere Frauen davon auszuschließen, ein anderer forderte, ihnen Bäder zur Verfügung zu stellen, um sich zu reinigen. Viele Arbeitende in den Spiegelfabriken der Stadt starben. Die Gebäude waren über Jahrzehnte verseucht.
Daran musste sie denken, wenn sie die Pfützen fotografierte. Sie ging in die Knie, um die beste Perspektive zu finden und war dankbar, dass sie in die Knie gehen konnte. Sie war dankbar für die frische Luft, in der sie sich aufhalten konnte, weil sie in einem anderen Jahrhundert lebte und nie gezwungen gewesen war, an sechs Tagen der Woche an Doppeltischen in der Fabrik zu stehen und mit Quecksilber Umgang zu haben.
Dennoch, sie war fasziniert davon, welche Bilder die alten Spiegel mit ihren blinden Flecken in die Welt zurückwarfen.
©BarbaraBiegel2026



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